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Es ist noch zu früh, die nukleare Abschreckung abzuschreiben

Atomwaffen sind keineswegs ein Allzweckmittel, das alle Probleme löst. Sie sind ein spezifisches Instrument zur Erreichung streng begrenzter militärischer und vor allem politischer Ziele.
Es ist noch zu früh, die nukleare Abschreckung abzuschreibenQuelle: Sputnik © Russisches Verteidigungsministerium

Von Igor Istomin

In Experten- und öffentlichen Diskussionen sind Klagen über die Erosion der atomaren Abschreckung weit verbreitet. In erster Linie verweisen sie auf die zunehmende Verstrickung des Westens in die militärische Konfrontation in der Ukraine. Es werden sogar Behauptungen laut, die Angst vor der Atombombe sei verschwunden.

Solche Befürchtungen resultieren in der Regel aus überhöhten Erwartungen an die Abschreckung und einer selektiven Wahrnehmung historischer Erfahrungen. Atomwaffen sind keineswegs ein Schweizer Taschenmesser, das alle Probleme löst. Sie sind ein spezifisches Mittel zur Erreichung streng begrenzter militärischer und vor allem politischer Ziele.

Zunächst einmal sollte geklärt werden: Was ist Abschreckung? Es handelt sich um eine Strategie, die auf der Drohung beruht, dem Gegner im Falle unerwünschter Handlungen unannehmbaren Schaden zuzufügen. Gleichzeitig beschreibt dieser Begriff eine Situation, in der die ausgesprochene Drohung wirkt – die Gegner verletzen den Status quo nicht, da sie eine wahrscheinliche Reaktion befürchten.

In der Regel setzt Abschreckung die Bereitschaft des abschreckenden Staates voraus, Maßnahmen zu ergreifen, von denen er unter normalen Umständen lieber Abstand nehmen würde. Der Einsatz von Atomwaffen birgt politische, ökologische und ethische Kosten, die jedes Land gerne vermeiden möchte. Die Befürchtungen vor diesen Folgen erklären, warum dieses Mittel seit 1945 in Konflikten nicht mehr zum Einsatz gekommen ist.

Daraus ergibt sich das Paradoxon von "Stabilität und Instabilität". Je größer die Atomwaffenarsenale eines Staates sind und je zerstörerischer sie sind, desto geringer ist die Gefahr eines groß angelegten Angriffs auf diesen Staat. Gleichzeitig steigt die Schadensschwelle, ab der der Einsatz solch mächtiger Waffen gerechtfertigt ist. Dementsprechend wächst auch die Versuchung der Gegner, unterhalb dieser Schwelle Schaden anzurichten.

Während des Kalten Krieges haben die UdSSR und die USA, nachdem sie ein enormes atomares Potenzial aufgebaut hatten, kolossale Mittel für die Aufrechterhaltung des konventionellen Gleichgewichts aufgewendet. Darüber hinaus führten sowjetische und US-amerikanische Streitkräfte in Korea, Vietnam und im Nahen Osten mehr als einmal faktisch direkt Krieg gegeneinander. Die USA gaben während der gesamten Zeit der bipolaren Weltordnung ihre Versuche nicht auf, die Sowjetunion mit nichtmilitärischen Mitteln zu zerschlagen.

Das bedeutet nicht, dass die nukleare Abschreckung nicht funktioniert hat. Sie bot Schutz vor einer äußerst bedeutenden, aber sehr begrenzten Reihe existenzieller Bedrohungen. Mehr davon zu erwarten, ist wenig realistisch und heute noch weniger gerechtfertigt als damals.

Die Intensität der gegenwärtigen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen übertrifft das Niveau des Kalten Krieges. Die NATO hat mithilfe Kiews Ziele des russischen Raketenangriffswarnsystems und Luftstreitkräfte angegriffen, die Teil der strategischen Nuklear-Triade sind. Mit westlicher Unterstützung wurden Versuche unternommen, russische staatliche Verwaltungszentren zu treffen.

Diese Handlungen fallen unter die in den russischen Doktrin-Dokumenten festgelegten Bedingungen für den Einsatz von Atomwaffen. Gleichzeitig suchen westliche Akteure ständig nach neuen Wegen, der Russischen Föderation Schaden zuzufügen. Das Scheitern ihrer Versuche, ihr eine strategische Niederlage zuzufügen, veranlasst sie zu einer immer größeren Toleranz gegenüber einer Eskalation.

Bezeichnend war zudem das Eingeständnis des damaligen Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses, Rob Bauer, im Jahr 2024, der erklärte, dass die Streitkräfte des Bündnisses in der Ukraine stationiert worden wären, gäbe es nicht die Atomwaffen Moskaus. Ebenfalls vielsagend sind die Berichte in den westlichen Medien, wonach die USA und ihre Verbündeten im Herbst 2022 vor dem Hintergrund der Offensive der ukrainischen Streitkräfte an mehreren Fronten befürchteten, dass deren Vormarsch Russland zu einer nuklearen Reaktion provozieren könnte.

Der Westen geht zwar mitunter unaufmerksam mit den Erläuterungen der russischen Position um, ist sich jedoch des Risikos einer Vergeltungsmaßnahme unter bestimmten Umständen bewusst – nämlich bei einer militärischen Bedrohung der Existenz Russlands. Dabei verstehen selbst eingefleischte Russophobe, dass sich die Lage an der Front zugunsten Moskaus entwickelt. Die russische Führung selbst hat betont, dass die Ukraine trotz aller westlichen Unterstützung keinen entscheidenden Schaden anrichtet und dazu auch nicht in der Lage ist.

Es ist nicht auszuschließen, dass der Westen mit zunehmender Risikobereitschaft so weit gehen wird, einen direkten militärischen Konflikt mit Russland zu provozieren. Dies würde tatsächlich ein Scheitern der russischen nuklearen Abschreckung bedeuten, und daher sind Warnungen vor den katastrophalen Folgen eines solchen Szenarios gerechtfertigt. Was andere Formen des westlichen Drucks angeht, sollte Moskau nicht auf die Angst vor Atomwaffen setzen, sondern das Spektrum anderer Gegenmaßnahmen erweitern. Zumal sein Arsenal in dieser Hinsicht sehr vielfältig ist.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 24. September 2026 auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Igor Istomin ist Leiter des Lehrstuhls für angewandte Analyse internationaler Probleme am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen.

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