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"Leichen über Hänge verstreut" – Saudi-arabische Grenzsoldaten sollen massenweise Flüchtlinge töten

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft saudischen Grenzwächtern die Tötung von Hunderten Flüchtlingen vor. Die Organisation beruft sich auf Zeugenaussagen und Satellitenbilder. Riad weist die Vorwürfe zurück.
"Leichen über Hänge verstreut" – Saudi-arabische Grenzsoldaten sollen massenweise Flüchtlinge tötenQuelle: AFP © Eduardo Soteras

In einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) werden saudi-arabische Grenzsoldaten der Massentötung von Geflüchteten, größtenteils Äthiopiern, an der Grenze zum Jemen beschuldigt.

In dem Bericht, der den Zeitraum von März 2022 bis Juni dieses Jahres abdeckt, werden 28 "Vorfälle mit Schusswaffen", darunter auch Angriffe mit Mörsergeschossen, und 14 Erschießungen aus nächster Nähe beschrieben.

Dem am Montag veröffentlichten Bericht zufolge stützen sich die Vorwürfe auf 38 Zeugeninterviews sowie Satellitenbilder und in Onlinenetzwerken veröffentlichte Aufnahmen. Die Vorfälle ereigneten sich HRW zufolge zu einem großen Teil nach einer im April 2022 in Kraft getretenen Waffenruhe im jemenitischen Bürgerkrieg, in dem Saudi-Arabien Kriegspartei ist.

Bereits im vergangenen Jahr hatten UNO-Experten über "besorgniserregende Vorwürfe" berichtet, denen zufolge saudi-arabische Sicherheitskräfte an der Grenze zum Jemen in den ersten Monaten des Jahres 2022 etwa 430 Geflüchtete getötet hätten.

"In welchen Körperteil wollen sie am liebsten geschossen werden?"

In dem HRW-Bericht schildern Überlebende unter anderem Schusswaffenangriffe aus nächster Nähe, bei denen saudi-arabische Grenzschützer äthiopische Migranten gefragt hätten, in welchen Körperteil sie "am liebsten geschossen werden möchten".

Human-Rights-Forscherin und Hauptautorin Nadia Hardman erklärte zu dem Bericht, saudi-arabische Sicherheitskräfte töteten "Hunderte Migranten und Asylsuchenden in diesem abgelegenen Grenzgebiet außerhalb der Sichtweite der übrigen Welt". Auch der Versuch Saudi-Arabiens, sein Image mit dem "milliardenschweren Aufkauf von Golfevents, Fußballclubs und großen Shows" aufzuwerten, dürfe "nicht von diesen schrecklichen Verbrechen ablenken".

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen wagen jedes Jahr mehr als 200.000 Menschen die gefährliche Reise vom Horn von Afrika über das Meer in den Jemen und von dort weiter nach Saudi-Arabien. Menschenrechtsorganisationen berichten, dass viele von ihnen unterwegs inhaftiert und verprügelt werden. Im Jemen sind die wichtigsten Migrantenrouten mit Gräbern von Menschen übersät, die auf dem Weg gestorben sind.

Vergangene Woche wurden mehr als 24 Migranten nach einem Schiffsunglück vor der Küste Dschibutis als vermisst gemeldet. Vor zwei Jahren kamen Dutzende Migranten ums Leben, als ein Feuer in einem Gefangenenlager in der Hauptstadt Sanaa ausbrach, das von den Huthi-Rebellen betrieben wird, die den größten Teil des Nordjemen kontrollieren.

"Leichen über ganzen Hang verstreut"

Die im jüngsten HRW-Bericht geschilderten Übergriffe sind jedoch anderer Natur. "Was wir dokumentiert haben, sind im Grunde Massentötungen", sagte Hardman gegenüber der britischen BBC. Sie fügte hinzu:

"Die Menschen haben Orte beschrieben, die wie Tötungsfelder klingen – Leichen, die über den ganzen Hang verstreut sind … Ich habe Hunderte Bilder und Videos gesehen, die mir von Überlebenden zugesandt wurden. Sie zeigen schreckliche Verletzungen und Explosionswunden."

Die Abgeschiedenheit der Grenzübergänge und die Schwierigkeit, Überlebende ausfindig zu machen, machen es unmöglich, genau zu wissen, wie viele Menschen getötet wurden, heißt es in dem Bericht.

"Wir gehen von mindestens 655 aus, aber es werden wahrscheinlich Tausende sein", sagte Hardman. Und weiter:

"Wir haben faktisch nachgewiesen, dass die Misshandlungen weit verbreitet und systematisch sind und möglicherweise ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen."

Berichte über weit verbreitete Tötungen durch saudische Sicherheitskräfte tauchten erstmals im vergangenen Oktober in einem Schreiben von UNO-Fachleuten an die Regierung in Riad auf. Sie wiesen darauf hin, "dass es sich offenbar um ein systematisches Muster großangelegter, wahlloser grenzüberschreitender Tötungen handelt, bei denen saudische Sicherheitskräfte mit Artilleriegeschossen und Kleinwaffen auf Migranten schießen".

Die saudische Regierung erklärte, sie nehme die Vorwürfe ernst, wies aber die Darstellung der UNO, es handle sich um systematische oder großangelegte Tötungen, entschieden zurück. "Auf der Grundlage der begrenzten Informationen", schrieb die Regierung, "haben die Behörden des Königreichs keine Informationen oder Beweise gefunden, die die Anschuldigungen bestätigen oder untermauern".

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