Schweiz

NZZ nach Gujer: Neue Hoffnung mit Mark Dittli

Mark Dittli übernimmt die Chefredaktion. Nach zwölf Jahren Eric Gujer bietet sich die Chance, die "NZZ" aus ihrer publizistischen Verengung zu lösen. Ein Schweizer mit wirtschaftlichem Sachverstand, analytischem Blick und Bodenhaftung soll wieder mehr Substanz in die alte Tante bringen.

Von Hans-Ueli Läppli

Die NZZ hat einen neuen Chefredakteur. Und mit Mark Dittli verbindet sich eine Hoffnung, die in Zürich längst verloren gegangen schien. Die alte Tante könnte wieder zu jener Zeitung werden, die ihre Leser wegen ihrer Analysen schätzen, wegen ihrer Unabhängigkeit respektieren und wegen ihrer bürgerlichen Grundhaltung abonnieren. Nach zwölf Jahren Eric Gujer ist das keine Kleinigkeit.

Gujer hat die NZZ in Deutschland groß gemacht. Das ist sein Verdienst. Doch der Ausbau der Reichweite hatte eine publizistische Kehrseite. Die Zeitung, die sich über Generationen als liberale und konservative Stimme der Schweiz verstand, wirkte unter seiner Führung zunehmend wie das Sprachrohr eines Chefredakteurs mit einer sehr eigenen politischen Agenda. Die große Analyse wich zuweilen der großen Pose. Der Kommentar drängte die Einordnung in den Hintergrund. Ausgerechnet eine Zeitung, die sich intellektueller Unabhängigkeit verpflichtet fühlt, schien immer stärker von der Persönlichkeit an ihrer Spitze geprägt.

Unter Eric Gujer entfernte sich die NZZ nach und nach von jenem Profil, das sie in der Schweiz groß gemacht hatte. Wirtschaftsliberalismus, Skepsis gegenüber staatlicher Macht und ein eigenständiger Blick auf Europa gehörten einst zu ihren Markenzeichen. Zuletzt dominierten häufig die politischen Zuspitzungen des Chefredakteurs. Die Zeitung wirkte streckenweise weniger wie ein Ort gründlicher Analyse als wie eine Bühne für pointierte Meinungen. Damit geriet auch ihre Stellung als konservativ-bürgerliche Stimme der Schweiz unter Druck.

Die Plagiatskontroversen rund um den Nebelspalter waren ein weiterer Belastungstest für das bürgerliche Medienmilieu. Das Medium wollte sich vom etablierten Journalismus abgrenzen, sah sich aber selbst mit Vorwürfen konfrontiert, die den eigenen Anspruch auf Glaubwürdigkeit beschädigten. Gujer lässt sich dafür nicht persönlich verantwortlich machen. Der Widerspruch zwischen hohen Ansprüchen an andere und Zweifeln an den Standards im eigenen Umfeld blieb dennoch bestehen.

Mit Mark Dittli bietet sich die Chance auf eine andere publizistische Ausrichtung. Er kommt aus dem Wirtschaftsjournalismus, arbeitete für die "Finanz und Wirtschaft", berichtete fünf Jahre aus New York und führte die Wirtschaftszeitung von 2012 bis 2017. Mit der Gründung von "The Market" setzte er anschließend auf vertiefte Finanzanalyse. Dittli steht damit für einen Journalismus, der Zahlen prüft, Interessen offenlegt und wirtschaftliche Zusammenhänge erklärt, statt sich in politischer Empörung zu erschöpfen. Dieser Ansatz könnte der NZZ jene analytische Tiefe zurückgeben, die unter Gujer zu oft hinter der zugespitzten Meinung zurücktrat.

Dittli bringt zudem etwas mit, das in einer Zürcher Redaktion mitunter wichtiger ist als jeder große Auftritt. Er ist ein Schweizer, der seine beruflichen Wurzeln nicht in den Berliner Medienmilieus hat. Seine Ausbildung an der HWV Winterthur, seine journalistische Arbeit und sein unternehmerischer Weg stehen für eine bodenständige Schweizer Laufbahn.

Unter Schweizer Journalisten wird Mark Dittli als einer beschrieben, der auf dem Boden geblieben ist. Hockey in Kloten, eine solide Ausbildung, eine Karriere im Wirtschaftsjournalismus. Keine große Pose, kein intellektuelles Schaulaufen. Dittli verkörpert einen Schweizer Typus, der lieber seine Arbeit sprechen lässt. Nach den Jahren, in denen Eric Gujers persönliche Handschrift die NZZ so stark prägte, könnte genau diese Nüchternheit der Zeitung guttun.

Die NZZ braucht keinen Ersatzpolitiker an der Spitze. Sie braucht einen Redaktionsleiter, der seinen Journalisten vertraut, unterschiedliche Auffassungen zulässt und sich nicht selbst zum Hauptdarsteller der Zeitung macht. Ein ruhigerer, analytischerer Führungsstil könnte der Redaktion Luft verschaffen. Die Ressorts müssen wieder ihre eigene fachliche Stärke entfalten können, statt sich an einer dominierenden politischen Tonlage auszurichten.

Auch wirtschaftlich könnte Dittlis Profil neue Impulse bringen. Die NZZ muss verstehen, wie sich die Weltwirtschaft verändert, wie sich Kapitalströme verschieben, wie Technologie Geschäftsmodelle zerstört und neue schafft und wie politische Eingriffe den Wohlstand beeinflussen. Formate wie "The Market" stehen für eine Art der Analyse, die internationale Entwicklungen nicht bloß kommentiert, sondern ihre Mechanik erklärt. Diese Tiefe könnte der gesamten Zeitung zugutekommen. Der analytische Ehrgeiz, den Leser etwa an Finanzpublikationen wie "ZeroHedge" schätzen, liegt nicht in der Lautstärke, sondern im Anspruch, hinter die offizielle Erzählung zu schauen. Die NZZ sollte diesen Anspruch auf ihre eigene, journalistisch unabhängige Weise wieder stärker pflegen.

Dittlis kurze Station bei der "Republik" wird manche konservative Leser zunächst auf Distanz halten. Das Match ist deshalb noch lange nicht gewonnen. Sein erster großer Aufschlag muss eine NZZ sein, die ihre liberale und bürgerliche Tradition nicht preisgibt, sondern wieder breiter auslegt. Es geht nicht darum, konservative Positionen ungeprüft zu übernehmen. Es geht darum, sie ernst zu nehmen, statt Skepsis gegenüber Brüssel, dem Zeitgeist oder dem politischen Betrieb als überholt abzuschreiben.

Gujer bleibt dem Haus als Herausgeber Deutschland erhalten. Der personelle Wechsel bedeutet deshalb nicht, dass sein Einfluss über Nacht verschwindet. Doch die Chefredaktion ist ein eigenständiges Amt, und Dittli muss die Möglichkeit bekommen, die redaktionelle Kultur selbst zu prägen. Sonst wäre der Wechsel vor allem eine organisatorische Verschiebung.

Die NZZ ist nicht verloren. Sie verfügt über eine starke Marke, erfahrene Journalisten und eine Leserschaft, die mehr erwartet als politische Reflexe. Aber sie muss sich wieder stärker auf das besinnen, was sie von anderen Zeitungen unterscheidet. Schweizer Bodenhaftung, wirtschaftliche Kompetenz, intellektuelle Neugier und die Bereitschaft, auch gegen die herrschende Meinung zu argumentieren, gehören dazu.

Mark Dittli bietet die Chance auf genau diesen Neuanfang. Nicht mit großen Gesten, sondern mit besseren Texten. Nicht mit täglicher Empörung, sondern mit fundierter Analyse. Und nicht mit einer Zeitung, die ihrem Chefredakteur folgt, sondern mit einer Redaktion, die ihre Leser ernst nimmt.

Nach zwölf Jahren Gujer ist das eine Hoffnung, die man der NZZ gönnen darf.

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