Meinung

Die Sowjetzeit wurde im Massenbewusstsein zum Synonym für Ordnung

Die Sehnsucht nach der UdSSR ist die Sehnsucht nach einer Welt, in der Geld nicht alles bestimmte, soziale Gerechtigkeit mehr zählte als materieller Wohlstand und Gemeinschaft wichtiger war als Konkurrenz. Doch was steckt wirklich hinter der sowjetischen Nostalgie?
Die Sowjetzeit wurde im Massenbewusstsein zum Synonym für OrdnungQuelle: Gettyimages.ru © Peter Turnley/Corbis/VCG via Getty Images

Von Waleri Wyschutowitsch

Den Tag, ab dem unsere Landsleute Nostalgie für die UdSSR empfanden, kann man mit kalendarischer Genauigkeit benennen: den 2. Januar 1992. An diesem Tag wurden die Preise freigegeben. Die Preisliberalisierung versetzte das ganze Land in einen Schockzustand, traf alle Bevölkerungsschichten und am härtesten die Ärmsten. 380 Rubel pro Kilogramm Butter, 95 Rubel pro Flasche Wodka – solche Preise überstiegen schlicht das Vorstellungsvermögen.

In den 1990er Jahren fand zudem die Privatisierung statt, die zu einer ungeheuren Vermögensungleichheit führte. Für Menschen, die mit der Überzeugung aufgewachsen waren, dass "ein Dieb ins Gefängnis gehört" und "Arbeit die Grundlage des Wohlstands sein muss", war es ein schwerer Schock mitanzusehen, wie ein Fabrikdirektor die Produktionsanlagen seines Betriebs für einen Spottpreis aufkaufte und zum Milliardär wurde.

"Welchem der folgenden russischen Staatsoberhäupter begegnen Sie mit Bewunderung, Respekt oder Sympathie?" Diese Frage stellten Meinungsforscher Anfang der 2000er Jahre. Zur Auswahl stand eine Liste von Namen – von Nikolaus II. bis Wladimir Putin. Den absoluten Sieg in diesem historischen Wettstreit, bei dem das Massenbewusstsein als Schiedsrichter fungierte, errang der derzeitige russische Präsident, während sein Vorgänger Boris Jelzin den letzten Platz belegte.

"Wann gab es in unserem Land mehr Demokratie?" So lautete die Frage in einer anderen Umfrage, die ungefähr zur gleichen Zeit durchgeführt wurde. Zur Auswahl standen verschiedene Staatschefs, beginnend mit Josef Stalin. Nur elf Prozent der Befragten nannten die Zeit unter Michail Gorbatschow als die demokratischste Epoche, für Boris Jelzin sprachen sich nur neun Prozent aus. Aber wann wurden in unserem Land die Menschenrechte besser gewahrt als zu anderen Zeiten?

Wann stand die Staatsmacht unter der Kontrolle der Gesellschaft, herrschten Rechtsstaatlichkeit und Gedankenfreiheit? Unter Wladimir Putin (29 Prozent) und unter Leonid Breschnew (14 Prozent). Jelzin hingegen landete erneut auf dem letzten Platz.

Mit Demokratie hatte das alles wenig zu tun. Wenn die Bürger darüber nachdachten, wann es mehr davon gegeben hatte, beantworteten sie unbewusst eigentlich eine andere Frage: Welcher der genannten russischen Staatschefs ist Ihnen am sympathischsten? Putin – das war zu erwarten. Doch wie konnte Breschnew in die Reihe der "Vorbilder der Demokratie" geraten?

Ganz einfach: Für ihn "stimmte" die Nostalgie – die Sehnsucht nach einer Zeit, in der ein beträchtlicher Teil der Befragten besser gelebt hatte. Denn für den russischen Durchschnittsbürger, der seit jeher nicht weiß, was er eigentlich will – eine Verfassung oder Stör mit Meerrettich –, ist Demokratie etwas Gutes, aber nicht ganz Greifbares; sozusagen ein mehr oder weniger erträgliches Leben. Natürlich waren die Tische der einfachen Bürger unter Breschnew nicht gerade mit Stör überladen. Doch Wurst für 2 Rubel 20 Kopeken gab es – aus der nostalgischen Perspektive betrachtet – in Hülle und Fülle. Also musste es damals wohl auch Demokratie im Überfluss gegeben haben. Dass es in jenen "seligen" Zeiten nicht mehr Wurst gab als Demokratie – das ist irgendwie schon in Vergessenheit geraten.

Soziologen haben längst festgestellt: Am stärksten ist die Nostalgie für die UdSSR bei Menschen ausgeprägt, deren Jugend und Erwachsenenalter in den 1960er- bis 1980er-Jahren lagen. Nostalgie ist immer selektiv. Die menschliche Psyche funktioniert so, dass unangenehme Erinnerungen (Warteschlangen, Versorgungsengpässe, totale Kontrolle) verdrängt werden, während angenehme (Urlaub auf der Krim, Neujahrsbeleuchtung, Freundschaft im Arbeitskollektiv) überhöht werden. So entsteht das Phänomen des "sentimentalen Sozialismus".

Die Menschen sehnen sich nicht nach dem realen Jahr 1975, sondern nach ihrem persönlichen 1975 – nach einer Zeit, in der sie jung und gesund waren, ihre Eltern noch jung waren und das ganze Leben vor ihnen lag. Doch dieser Mythos hat auch eine politische Komponente. Im Massenbewusstsein wurde die Sowjetzeit zum Synonym für Ordnung. Die heutige Realität mit ihren Wirtschaftskrisen, ihrer Korruption und sozialen Spaltung wird als "Chaos" wahrgenommen. Die UdSSR hingegen erscheint als eine Oase der Berechenbarkeit: Das Gehalt wurde stets ausgezahlt, man erhielt eine Wohnung (auch wenn man dafür zehn Jahre lang auf der Warteliste stehen musste), und auch wenn man Angst vor dem Vorgesetzten hatte, wusste man zumindest, was man von ihm zu erwarten hatte.

Häufig hört man, dass die Russen sich nach dem Totalitarismus sehnen. Das wäre jedoch eine Vereinfachung. Tatsächlich handelt es sich um die Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit, die dem sowjetischen Projekt zugrunde lag.

Die Sehnsucht nach der UdSSR ist zugleich eine Sehnsucht nach einer Welt, in der Geld nicht alles bestimmte und in der man sich Respekt im Kollektiv durch Professionalität und nicht durch den Besitz von Markenartikeln verdiente. Ja, es herrschte Gleichmacherei, und sie erstickte die Eigeninitiative. Doch sie vermittelte das Gefühl, dass man nicht schlechter sei als andere. Im heutigen Russland ist dieses Gleichgewicht zerstört. Wenn die Menschen sich also nach einer kostenlosen medizinischen Versorgung zurücksehnen, sagen sie in Wirklichkeit: "Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die sich um mich kümmert – nicht, weil ich Geld habe, sondern weil ich ein Mensch bin."

In der UdSSR gab es ein "großes Narrativ" – eine lichte kommunistische Zukunft. Selbst wenn kaum jemand buchstäblich daran glaubte, gab es der Zeit eine Struktur. Die Menschen wussten: Sie lebten für die Zukunft künftiger Generationen.

Die postsowjetische Realität schenkte zwar Freiheit, raubte aber zugleich dem morgigen Tag seinen Sinn. An die Stelle der kommunistischen Ideologie trat der Pragmatismus des "Hier und Jetzt". Für Menschen, die daran gewöhnt waren, im Namen der Zukunft Opfer zu bringen, war eine solche Wende ein Schock.

Die Sehnsucht nach der UdSSR ist auch eine Sehnsucht nach gemeinsamen Zielen. Als das Land Fabriken baute, den Norden erschloss und ins All flog, hatte jeder das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Heute ist Konsum zum Hauptziel der Gesellschaft geworden. Und diese Fixierung auf das Materielle ruft bei der älteren Generation Ablehnung hervor, die sich in Kritik an der gegenwärtigen Realität und in Sehnsucht nach dem Sozialismus niederschlägt.

Die Sehnsucht nach der UdSSR ist eine Sehnsucht nach verlorenem Status (imperiale Identität), nach sozialer Absicherung (staatlicher Paternalismus) und nach einer kollektiven Moral (Gerechtigkeit statt Konkurrenz).

Paradoxerweise empfinden auch junge Russen, die nicht in der UdSSR gelebt haben, mitunter diese Nostalgie. Diese Sehnsucht ist also weniger eine Erinnerung an die Vergangenheit als vielmehr ein Ruf nach einer Zukunft, die wir uns nicht vorstellen können. Solange Russland kein attraktives Zukunftsbild hat, wird es der Vergangenheit nachtrauern und dabei sogar deren widersprüchlichste Aspekte idealisieren.

Das ist weder ein krankhafter Zustand noch etwas, wofür man sich schuldig fühlen müsste. Es ist eine normale Reaktion einer Gesellschaft auf einen zu schnellen und schmerzhaften Paradigmenwechsel.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 5. November 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Rossijskaja Gaseta" erschienen.

Waleri Wyschutowitsch ist ein politischer Analyst.

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