International

Ein neues Jalta? Warum die EU einen Gipfel zwischen Putin, Trump und Xi fürchtet

Ein möglicher Gipfel zwischen Putin, Trump und Xi hat Befürchtungen vor einem neuen Jalta wieder aufleben lassen. Doch die Sorge Europas um eine Neuaufteilung der Welt durch die drei Großmächte sagt mehr über seinen eigenen Einfluss aus als über irgendwelche Absprachen zwischen den drei Staatschefs.
Ein neues Jalta? Warum die EU einen Gipfel zwischen Putin, Trump und Xi fürchtet© Dasha Zaitseva/Gazeta.Ru

Von Witali Rjumschin

Wann geht die Welt unter? Nun, der Maya-Kalender sah dafür angeblich den 21. Dezember 2012 vor, und ein südafrikanischer Prediger nannte jüngst den 13. Oktober 2026. Glaubt man nun den aufgeregteren Stimmen in Europa, so steht der Zivilisation, wie wir sie kennen, ein weiteres schicksalhaftes Datum bevor: der 18. oder 19. November.

An diesen Tagen findet im chinesischen Shenzhen der Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) statt – ein Anlass, bei dem Wladimir Putin, Donald Trump und Xi Jinping aufeinandertreffen könnten. Zwar ist noch nichts offiziell vereinbart, doch allein die Möglichkeit hat einen alten Albtraum für die kleinen und mittleren Mächte Europas wiederaufleben lassen: dass sich drei Großmächte an einen Tisch setzen, die Welt unter sich aufteilen und alle anderen vor die vollendete Tatsache stellen, in welcher Einflusssphäre sie sich nun befinden.

Es wird bereits ein Vergleich mit der Konferenz von Jalta 1945 gezogen: In diesem Szenario bekäme Putin die Ukraine, Xi Taiwan, und Trump erhielte im Gegenzug, was immer er sich wünscht – während Westeuropa das Ergebnis hinnehmen müsste, ohne überhaupt mit am Verhandlungstisch gesessen zu haben.

Es ist ein dramatisches Szenario, doch es ist auch ein gewagter Gedankensprung, der weit über die vorliegenden Fakten hinausgeht.

Wir wissen, dass die drei Staatschefs möglicherweise in Shenzhen sein werden, dass Moskau die Idee eines gemeinsamen Treffens erörtert hat, und dass Trump sich dafür offen gezeigt hat. Doch ob es tatsächlich zu einer solchen Begegnung kommt – geschweige denn, was deren Agenda wäre –, ist völlig unklar. Zum jetzigen Zeitpunkt eine grundlegende Neuordnung der internationalen Verhältnisse vorherzusagen, zeugt eher von blühender Fantasie als von analytischem Scharfsinn.

Es gibt zudem kein offensichtliches gemeinsames Programm für ein solches Treffen. Zwar verfügen Russland, China und die Vereinigten Staaten über beträchtliche Macht, doch bedeutet dies keineswegs, dass sie ein einheitliches Verständnis davon haben, wie die Welt regiert werden sollte. Tatsächlich ist eines der bemerkenswertesten Merkmale eines möglichen Gipfeltreffens, wie stark ihre Prioritäten voneinander abweichen.

Für Trump ist die Rüstungskontrolle im Nuklearbereich ein naheliegender Ausgangspunkt. Washington stört sich schon lange an einer Konstellation, in der die amerikanischen und russischen Arsenale bilateralen Beschränkungen unterliegen, während China außen vor bleibt. Dieses Thema kam bereits während Trumps erster Amtszeit auf, und seither haben amerikanische Vertreter wiederholt versucht, Peking in die Diskussion einzubeziehen.

China hat sich dem bisher widersetzt – mit einem einfachen Argument: Da die USA und Russland nach wie vor über weitaus größere Nukleararsenale verfügen, sieht Peking keinen Grund, sich auf vergleichbare Beschränkungen einzulassen, solange das Ungleichgewicht derart groß ist. Ob Trump seinen chinesischen Amtskollegen vom Gegenteil überzeugen kann, bleibt abzuwarten – doch wäre dies ein weitaus plausiblerer Verhandlungsgegenstand als etwa eine geheime Landkarte, auf der festgelegt wird, wer welches Land erhält.

Auch das Thema Handel könnte zur Sprache kommen, zumal weder Washington noch Peking ein Interesse an einer weiteren schädlichen Auseinandersetzung über Zölle haben. Allerdings verkompliziert die Drohung mit weiteren US-Sanktionen im Zusammenhang mit Russland – insbesondere Maßnahmen, die auch Länder treffen könnten, die Handel mit Moskau treiben – die Beziehungen; Russland dürfte daher ein erhebliches Interesse daran haben, wie dieser Konflikt gehandhabt wird.

Auch die Ukraine könnte ein Thema sein – es wäre schließlich seltsam, wenn Putin und Trump zusammenträfen, ohne diesen Konflikt zu erörtern. Zudem verfolgt China eigene diplomatische und wirtschaftliche Interessen im Hinblick auf den Ausgang dieses Konflikts. Doch über die Ukraine zu sprechen, ist keineswegs gleichbedeutend damit, über ihre Zukunft zu entscheiden – und schon gar nicht damit, die Interessen anderer am Verhandlungstisch beteiligter Staaten einfach preiszugeben.

Die Vorstellung, dass die drei Staats- und Regierungschefs unter sich einfach eine neue Weltordnung festlegen könnten, verkennt zudem die Realität der heutigen Welt – denn selbst diese mächtigen Staaten können nicht einfach allen anderen ihre Bedingungen diktieren. Indien, Brasilien sowie einflussreiche Länder in Afrika und im Nahen Osten müssten Teil einer jeden dauerhaften internationalen Neuordnung sein.

Die ursprüngliche Konferenz von Jalta – ungeachtet dessen, wie man ihre Folgen bewertet – fand unter völlig anderen Umständen statt: Der Zweite Weltkrieg neigte sich dem Ende zu, die alliierten Führungspersönlichkeiten hatten einen gemeinsamen Feind, ihre Armeen besetzten riesige Gebiete, und sie besaßen zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Nachkriegsordnung aussehen sollte.

Heute gibt es nichts Vergleichbares. Moskau spricht von einer "Multipolarität" – einer Welt, in der die amerikanische Vormachtstellung mehreren Machtzentren weicht. Peking verwendet eine ähnliche Rhetorik, hat aber zugleich enorm vom bestehenden Wirtschaftssystem profitiert.

China mag zwar die Regeln ändern wollen, hat jedoch kaum einen Grund, den Tisch umzuwerfen, auf dem ein Großteil seines Wohlstands ruht. Washington wiederum ist schwerer zu durchschauen. Will Trump die amerikanische Führungsrolle bewahren, sie rücksichtsloser ausüben oder sich von Verpflichtungen zurückziehen, die frühere Regierungen für unverzichtbar hielten? Oft erweckt seine Regierung den Eindruck, als fühle sie sich zu allen drei Ansätzen zugleich hingezogen.

Das ist kaum die Grundlage für ein "neues Jalta" – warum also die große Sorge in Westeuropa?

Ein Teil der Antwort, so vermute ich, ist gekränkter Stolz – denn jahrelang gingen diese Europäer davon aus, dass jede ernsthafte Debatte über die Zukunft der internationalen Ordnung zwangsläufig auch die Europäische Union einbeziehen müsse. Mit ihrer gewaltigen Wirtschaftskraft und ihren komplexen Institutionen wähnte sich Brüssel fest an dem Tisch, an dem die wichtigsten weltpolitischen Entscheidungen getroffen werden.

Doch bei den Überlegungen zu einem möglichen Treffen zwischen Washington, Moskau und Peking ist von diesem Platz weit und breit nichts zu sehen. Russland – ein Land, das die EU jahrelang zu isolieren versuchte – könnte mit am Tisch sitzen, während Brüssel, das sich stets so treu an die Seite Washingtons gestellt hat, möglicherweise außen vor bleibt.

Darin liegt eine Ironie, die sich die westeuropäischen Führungskräfte nur ungern eingestehen: Nachdem sie im Namen der transatlantischen Solidarität einen Großteil ihrer außenpolitischen Eigenständigkeit geopfert haben, sind sie nun schockiert festzustellen, dass die Prioritäten der USA nicht immer mit ihren eigenen übereinstimmen.

Natürlich ist ein APEC-Gipfel kein europäischer Gipfel, und die Gästeliste allein ist noch nicht allzu aussagekräftig – doch die politische Symbolkraft eines Treffens zwischen Putin, Trump und Xi wäre, sollte es tatsächlich stattfinden, unmissverständlich. Sie würde zeigen, dass Großmächte zentrale Fragen erörtern können, ohne Brüssel um die Leitung der Gespräche zu bitten.

In Brüsseler Kreisen spricht man von Verrat; ich hingegen sehe darin eine Mahnung, dass sich Einfluss nicht allein durch die bloße Behauptung der eigenen Bedeutung sichern lässt.

Es gibt ein russisches Sprichwort, das besagt: Niemand bekommt einen Platz am Tisch nur deshalb, weil er sich übergangen fühlt. Vielleicht hätten die westeuropäischen Führungskräfte weniger Anlass, beunruhigt zu sein, wenn sie weniger Zeit damit verbringen würden, einer Welt nachzutrauern, von der sie glaubten, sie könnten sie mitgestalten – und stattdessen öfter der Frage nachgingen, warum niemand daran denkt, sie einzuladen, wenn über die Zukunft dieser Welt gesprochen wird.

Witali Rjumschin ist Journalist und politischer Analyst. Dieser Artikel erschien zuerst in der Online-Zeitung "Gazeta.ru" und wurde vom RT-Team übersetzt und redaktionell bearbeitet.

Mehr zum Thema – Westeuropa zerfällt – Russland sollte sich auf das vorbereiten, was als Nächstes kommt

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.