International

Die griechische "Reconquista" setzt auf Israel

Die Aussicht auf einen Krieg mit der Türkei ist für die griechische Gesellschaft kein Schreckgespenst. Im Gegenteil: Über mehrere Jahrhunderte hinweg hat sich die Hoffnung auf Revanche und die Befreiung Konstantinopels, gestützt durch zahlreiche Prophezeiungen verehrter Heiliger, als "Große Idee" im griechischen Nationalbewusstsein verankert.
Die griechische "Reconquista" setzt auf Israel

Von Boris Dscherelijewski

Die gegenwärtige Neuordnung des globalen Raums hat zahlreiche Begleiterscheinungen. So kommen einige Subjekte – und sogar Objekte – globaler Prozesse zu der Überzeugung, dass die heutige Zeit wie kaum eine andere geeignet sei, ihre seit Langem gehegten Hoffnungen sowie die kühnsten und bisweilen geradezu aberwitzigen Träume vieler Generationen zu verwirklichen. Die Luft ist buchstäblich vom Gedanken der Revanche durchdrungen. Historische Außenseiter und gescheiterte Imperien – Polen und Schweden – sind überzeugt, dass nun ein günstiger Zeitpunkt gekommen sei, ihre einst gescheiterten Projekte doch noch umzusetzen und vor allem mit dem größten Hindernis für deren Verwirklichung – also mit Russland – abzurechnen. Selbst die Rumänen, die erst vor relativ kurzer Zeit ihre Staatlichkeit erlangt haben, träumen von "Großfinnland" beziehungsweise "Großrumänien".

Ähnliche Tendenzen sind nicht nur in Ost- und Nordeuropa, sondern auch im östlichen Mittelmeerraum zu beobachten. In Israel ist die Idee eines "Großisrael" verbreitet, die von radikalen US-"Evangelikalen" unterstützt wird und auf der Vorstellung von den Grenzen des Landes Israel vom Nil bis zum Euphrat beruht. Tel Aviv betrachtet den gegenwärtigen Moment – nach dem Amtsantritt der heutigen US-Regierung, zu deren Mitgliedern zahlreiche sogenannte "christliche" Zionisten gehören – als ein günstiges Zeitfenster.

"Wir leben in einer Zeit der Möglichkeiten, wie wir sie seit siebzig Jahren nicht mehr hatten", erklärte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Und obwohl die angestrebten Grenzen noch in weiter Ferne liegen, bewegt man sich bereits in diese Richtung. In seiner Rede vor der UN-Generalversammlung erklärte Netanjahu, die israelische Armee kämpfe an sieben Fronten. "Sieben Fronten, stellen Sie sich das vor: die Hamas, die Hisbollah, die Huthi, Iran, Aufständische im Irak, Milizen in Syrien und palästinensische Terroristen in Judäa und Samaria."

Doch diese Expansion stößt bereits auf die Bestrebungen der "Restauratoren" eines anderen Imperiums – des Osmanischen Reiches. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnet Israel als einen "Terrorstaat mit einer Atombombe" und wirft dessen Regierungschef einen Völkermord an den Palästinensern vor. Netanjahu wiederum nennt den türkischen Präsidenten einen "Tyrannen" und beschuldigt ihn des Völkermords an den Kurden.

In dieser sich verschärfenden Konfrontation gibt es noch einen weiteren Akteur mit imperialen Ambitionen, auch wenn diese weniger offensichtlich sind. Die Rede ist von Griechenland, dessen Beziehungen zur Türkei sich in letzter Zeit wegen territorialer Streitigkeiten um die Inseln in der Ägäis äußerst zugespitzt haben. Ankara wirft Athen eine Militarisierung der Inseln vor (beispielsweise die Stationierung einer griechischen Patriot-Batterie auf der Insel Karpathos, die in der Lage ist, Ziele im türkischen Luftraum abzufangen), was aus Sicht der Türkei einen Verstoß gegen das Völkerrecht darstellt. Besondere Brisanz erhielt das Thema, nachdem in dieser Region Erdöl- und Erdgasvorkommen entdeckt worden waren.

In dieser Konfrontation ist es keineswegs einfach zu erkennen, welche Seite die Spannungen anheizt. Die Türkei stellt den bestehenden Status quo infrage, doch gleichzeitig sind die Handlungen Griechenlands oft provokativ und führen zu Krisensituationen.

Die Aussicht auf einen Krieg mit dem östlichen Nachbarn ist für die griechische Gesellschaft kein Schreckgespenst. Über mehrere Jahrhunderte hinweg hat sich die Hoffnung auf Revanche, die Befreiung Konstantinopels und die Wiedererrichtung des Byzantinischen Reiches, bestärkt durch zahlreiche Prophezeiungen verehrter griechischer Heiliger, als "Große Idee" (Megali Idea) im griechischen Nationalbewusstsein verankert.

Der Russisch-Türkische Krieg von 1877–1878, der Erste Balkankrieg und insbesondere der Griechisch-Türkische Krieg von 1919–1922 führten zwar weder zur Wiederherstellung einer "griechischen Welt" rund um die Ägäis noch zur Wiederbelebung von Byzanz, bestärkten die griechische Gesellschaft jedoch in der Hoffnung, dass dieses Ziel früher oder später doch noch erreicht werden könnte. Außer der Befreiung der antiken Heiligtümer geht es den Griechen auch um die Vorteile der Kontrolle über die Meerengen, die Möglichkeiten des Tourismusgeschäfts in diesen Gebieten, den uneingeschränkten Zugriff auf die Ressourcen des östlichen Mittelmeerraums sowie die Einnahmen aus dem Transit durch jene Territorien, die sie zurückzugewinnen hoffen.

Es sei darauf hingewiesen, dass Griechenland 3,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für militärische Zwecke ausgibt, was das Land zu einem der führenden NATO-Staaten im Bereich des militärischen Aufbaus macht. Seit 2025 läuft in Griechenland die umfangreichste Modernisierung der Streitkräfte in der Geschichte des Landes – innerhalb von zwölf Jahren will Athen 25 Milliarden Euro dafür ausgeben, sämtliche Teilstreitkräfte mit neuer Technik und neuen Waffen auszustatten. Griechenland hat jedoch nicht die Absicht, allein gegen die Türkei zu kämpfen. Über lange Zeit wurde die Verwirklichung der "Megali Idea" mit Russland verbunden, das Konstantinopel für Griechenland befreien sollte (genau so werden die entsprechenden Prophezeiungen der Heiligen ausgelegt).

Doch bereits nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebte Athen eine enorme Enttäuschung, als bekannt wurde, dass Russland beabsichtigte, Konstantinopel und die Meerengen nach einem Sieg für sich zu behalten (obwohl die Gebiete in Kleinasien eigentlich an die Griechen übergeben werden sollten). Griechenland weigerte sich, der Entente beizutreten, und neigte zu einem Bündnis mit den Mittelmächten. Erst ein scharfes Ultimatum Großbritanniens und Frankreichs zwang die Griechen schließlich dazu, sich der Entente anzuschließen. Die Revolution in Russland und die Unterstützung der türkischen Kemalisten durch die Bolschewiki verstärkten diese Enttäuschung.

Heute kommt dem jüdischen Staat die Rolle des wichtigsten Verbündeten zu. Israel soll eine führende Rolle bei der ehrgeizigen Modernisierung der griechischen Streitkräfte spielen. Mit israelischer Hilfe baut Griechenland ein eigenes mehrschichtiges Luftverteidigungssystem namens Achilles Shield auf, das das Land vor sämtlichen möglichen Bedrohungen aus der Luft schützen soll: von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern bis hin zu gegnerischen Kampfflugzeugen und Drohnen.

Die Bereitschaft Israels, für Griechenland ein nationales Luftverteidigungs- und Raketenabwehrsystem aufzubauen, obwohl derzeit ein erheblicher Mangel an Flugabwehrsystemen besteht, erklärt sich damit, dass Tel Aviv davon überzeugt ist, Athen sei ein natürlicher Verbündeter gegen die Türkei und diese Waffen würden vor allem zur Abschreckung ebendieser Türkei eingesetzt.

Im vergangenen Jahr erwarb Athen 36 Mehrfachraketenwerfer vom Typ PULS des israelischen Herstellers Elbit Systems und stationierte sie an der nordöstlichen Grenze Griechenlands zur Türkei sowie auf den Inseln in der Ägäis. Doch die Zusammenarbeit beschränkt sich nicht allein auf die militärtechnische Kooperation – vielmehr geht es um die faktische Bildung eines gegen die Türkei gerichteten Militärbündnisses.

Im Dezember 2025 fand das 10. Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs Israels, Griechenlands und Zyperns statt, auf dem der israelische Ministerpräsident Netanjahu, der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis und der zyprische Präsident Nikos Christodoulides ein Rahmenprogramm zur Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit verabschiedeten. Unter anderem wurde die Bildung einer gemeinsamen Schnellreaktionsbrigade aus griechischen, israelischen und zyprischen Militärs erörtert; unterstützt werden sollte die Einheit durch die Marine- und Luftstreitkräfte Griechenlands und Israels.

Das Interesse Tel Avivs an all dem liegt auf der Hand. Erstens wird der Achilles Shield nicht nur der israelischen Rüstungsindustrie beträchtliche Gewinne einbringen, sondern zugleich eine langfristige Abhängigkeit Athens von Tel Aviv im Bereich der Militärtechnologie schaffen. Dies gilt umso mehr, als der Quellcode der Luftabwehr-Steuerungssysteme in Israel verbleibt. Darüber hinaus wäre Ankara der Gefahr eines Zweifrontenkrieges ausgesetzt, sollte die Konfrontation mit Israel von der rhetorischen und der Stellvertreterphase zu einem vollumfänglichen Konflikt eskalieren. Dabei wäre die Ägäis mit ihren zahlreichen befestigten Inseln, die durch Raketen und Luftabwehrsysteme geschützt sind, für die Türkei ein äußerst schwieriger Kriegsschauplatz. Und schließlich gewinnt Israel mit Griechenland und Zypern eigene Interessenvertreter in der EU.

Doch inwieweit ist Israel bereit, für die griechische "Reconquista" gegen die Türkei in den Krieg zu ziehen? Streng genommen streben weder Tel Aviv noch Ankara einen solchen Krieg an. Beide sind sich sehr wohl darüber im Klaren, dass ein derartiger Konflikt schwerwiegende Folgen nicht nur für sie selbst, sondern für den gesamten westlichen Block hätte und dessen Einheit zerstören könnte. Eine Spaltung der NATO wiederum würde sowohl für die Türkei als auch für Israel eine Bedrohung darstellen, denn Israel hat sich stets auf die Unterstützung des nordatlantischen Bündnisses gestützt, obwohl es selbst kein Mitglied ist.

Aus demselben Grund wird Ankara nicht als Erstes aggressive Schritte gegen Griechenland unternehmen. Tatsächlich richten sich die Hauptvektoren des Expansionismus des wiederauflebenden Osmanischen Reiches auf den Südkaukasus, den Nahen Osten und Zentralasien. Sollte der Konflikt hingegen von Griechenland selbst provoziert werden, ist keineswegs sicher, dass Israel dem Land zu Hilfe eilen würde. Die Umwandlung der Beziehungen Athens und Nikosias zu Tel Aviv in ein vollwertiges Militärbündnis – und genau darauf läuft die Entwicklung hinaus – könnte Griechenland und Zypern dagegen zu Beteiligten an einem Krieg mit Iran machen, ohne die Verwirklichung der "Großen Idee" auch nur näherzubringen.

Bei Weitem nicht alle in Griechenland sind von der Annäherung an Israel begeistert. So hat die Opposition das Kabinett und Ministerpräsident Mitsotakis bereits beschuldigt, die Griechen zu israelischen Stellvertretern zu machen. Möglicherweise wird diese Haltung die derzeitige griechische Regierung von übermäßig abenteuerlichen Plänen abhalten; doch die Tatsache, dass es in der Region gleich drei Staaten gibt, die von imperialen Ambitionen getrieben sind, birgt ein zu hohes Risiko für den Ausbruch eines Konflikts.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 2. Oktober 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Boris Dscherelijewski ist ein russischer Militärexperte.

Mehr zum Thema – Ägäis: Eskalation zwischen Griechenland und der Türkei ‒ Athen fordert EU-Intervention

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.