
Es fährt (k)ein Zug nach Nirgendwo (Eine Satire)

Von Martin Guido Becker
Eine Zugfahrt durch die Chiquitagurkenrepublik Absurdistan ist ein Kapitel für sich.
Es gehört ein gewisses Heldentum, vielleicht sogar Verwegenheit, zumindest Todesverachtung dazu, in Absurdistan öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Man strandet an entlegenen Stationen, die man nicht zum Ziel hatte, auf Abstellgleisen, auf offener Strecke, im Nichts, weil der Lokomotivführer Zigaretten holen gegangen ist oder es auf der elektrifizierten Strecke keinen Strom gibt – die Kraftwerke sind verrottet.

Es geht also alles schief, und wenn etwas schiefgeht, dann eben gründlich. Mal ist die Lokomotive kaputt, mal die Klimaanlage des ICE. An einem schönen Sommertag kommen die Passagiere als Grillhähnchen an, die Bahnverwaltung spendiert Gewürzsalz. Im tiefsten Winter kommt man bei ausgefallener Heizung tiefgefroren am Zielort an und muss sich anhören, dass die Heizung bewusst abgestellt wurde, um die Erderwärmung aufzuhalten. Es ist auch schon vorgekommen, dass jemand als Jungspund eingestiegen und im Greisenalter angekommen war und die Differenz zum Vollpreis nachlösen musste, weil die BahnCard Junior nur bis 27 gilt. Außerdem waren die Fahrpreise über die Jahre, die der Fahrgast unterwegs war, ja auch deutlich gestiegen.
Reisende fühlen sich verhöhnt und sind versucht, den Rechtsweg zu beschreiten. Das Klageaufkommen ist so hoch, dass die Mühlen der Justiz so langsam mahlen, wie die Bahn fährt, und die meisten Prozesse sich biologisch erledigt haben, bevor ein Urteil gesprochen ist.
Immerhin, manchmal zeigt sich die Bahn kulant. Doch anstelle einer Rückvergütung von ein paar Einheiten unseres Esperantogeldes oder eines Reisegutscheins stehen dem Bahnreisenden eher Tapferkeitsmedaillen zu, wie sie in den Weltkriegen üblich gewesen waren. Am besten in der Anzahl, in der man sie von sowjetischen Spitzenpolitikern kannte: Ich habe noch lebhaft den alternden Generalsekretär der KPdSU in Erinnerung, wie er unter der Last der Orden auf seiner Heldenbrust zusammenbrach ...
Ich muss zugeben, ich habe den zum Bahnfahren nötigen Mut nicht. Ich meide den Rest Absurdistans wie die Pest. Wenn ich schon fahren muss, dann nur mit dem Auto – die Deutsche Bahn ist derzeit der allerbeste Werbeträger, den eine Autoindustrie sich nur wünschen kann. Aber ich habe immer eine Ausrede parat, weswegen ich dann doch nicht – nicht mal mit dem Auto – fahren muss: Mal gibt es schlechtes Wetter, mal ist es zu heiß, mal ist es zu kalt, mal ist es beides zusammen.
Eine Einladung nach Bad Schweinsgüll habe ich kürzlich ausgeschlagen. Es gibt dort keine Parkplätze, und den Ratschlag, ich könne doch mit dem Zug anreisen, das sei vernünftiger, habe ich überhört. Also bin ich zu Hause geblieben, ich hatte keine Lust dazu, mir unterwegs die Fingernägel und anschließend auch noch die Fußnägel abzukauen, in banger Erwartung, den Anschlusszug zu verpassen und eine kalte, zugige Nacht an einem Provinzbahnhof verbringen zu dürfen. Oder am Bahnhof irgendeiner Großstadt, wo sich die Unterwelt die Nacht um die Ohren schlägt.
Wäre ich gefahren, wäre ich wahrscheinlich wieder verärgert gewesen wegen all der Propeller, die in der Landschaft herumstehen und Wind erzeugen und nebenbei Zugvögel in mundgerechte Scheiben schneiden. Irgendwo muss der Strom ja herkommen, der den Zug antreibt, nachdem die Atomkraftwerke in die Luft gesprengt wurden, die Kohlekraftwerke stillgelegt und das böse Russengas nicht mehr verwendet werden darf. Der Strom kommt also von den Propellern, welche sich mal drehen und mal nicht. Zumeist eher nicht oder nur sehr langsam, deswegen bleibt der Zug auch einige hundert Meter vor dem Zielbahnhof stehen. Aussteigen ist aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt ...
Da steht man dann in Stuttgart herum, und es heißt, der ganze Bahnhof wird überwacht, auch wenn weit und breit kein Bewachungspersonal sichtbar ist. Aber so ganz falsch ist diese Aussage nicht, dem Mörtel beim Bauruinenprojekt Stuttgart 21 sind 12,6 Prozent Mikrophone beigemischt. Wenn man ein falsches Wort sagt, etwa über die hochheilige Deutsche Bahn oder über leere Flaschen in Ministersesseln, kommen zwei stämmige Polizisten herbeigestürmt und man verbringt die Nacht in der Justizvollzugsanstalt. Dort ist man zumindest sicherer als in einem vollgestopften Vorortzug, in dem man sich der Gefahr ausgesetzt fühlt, dass die eine oder andere Ölsardine handgreiflich werden könnte.
Mittlerweile hängen in den Bahnhöfen keine Fahrpläne mehr aus, des neuen Gesetzes gegen Fakenews wegen. Man fragt jemanden vom Bahnhofspersonal, wann der Zug nach Nirgendwo fährt, und erhält zur Antwort ein resigniertes "Inschallah" – so Gott will. Alternativ dazu könnte man auch das Horoskop bemühen, der Zug kommt, wenn Merkur und Uranus in einem günstigen Verhältnis zueinander stehen.
Diese Planetenkonstellation kommt selten vor, weshalb gewöhnlich keine Züge fahren. Oder sie halten nicht und fahren einfach durch, oder sie fahren ganz einfach woanders hin, zum Beispiel nach Workuta, wo man wegen seines Querulantentums dann für den Rest seines Lebens die härtesten und die spitzesten Steine schleppen kann in den Weiten Sibiriens, denn es fährt kein Zug mehr zurück ... Workuta liegt zwar auf der europäischen Seite des Urals, aber wen schert schon die Geographie, wir haben ja freitags so fleißig die Schule geschwänzt ...
Man bewegt sich zum Infoschalter, und dort sitzt eine Gestalt in Uniform, über und über mit Spinnweben übersät und sichtlich erschöpft vom vielen Nichtstun, ein Oblomow unserer Tage. Vorbei geht es an heiteren Plakaten, auf denen die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn in leuchtenden Farben geschildert wird. Man könnte am Schalter eine Fahrkarte kaufen, doch ist Oblomow erschöpft vom vielen Ausruhen, diese Arbeit ist ihm gerade nicht zumutbar.
Gehen wir also zum Fahrkartenautomaten, der derzeit kein Geld nimmt, da er an einer Allergie gegen Münzen und Scheine leidet, also die Bankkarte. Diese fummelt man in den Schlitz, man gibt die Geheimnummer ein und in diesem Moment verspürt man einen heftigen Schlag in den Nacken und wacht im nächsten Krankenhaus unter der Obhut einer Frau Onkel Doktor auf.
Oder man kommt nicht in den Genuss einer Bahnhofsschlägerei und steht irgendwann mit der Fahrkarte in den Händen am Bahnsteig. Wer nicht am Bahnsteig steht, das ist der Zug. Bis er endlich eintrifft, ist die Fahrkarte zu Staub zerfallen, die Schienen verrostet und die Schwellen vermodert. Das Bahnhofsgebäude wird wegen Baufälligkeit gesperrt und der Bahnsteig evakuiert. Genau in dem Moment, in dem das alles vollbracht und geschehen ist, fährt der Zug ein. Ein- und Aussteigen aus Sicherheitsgründen untersagt.
Man dreht sich um, weg vom zugemüllten Bahnhof, weg von den rostigen Gleisen. Weg von den zwielichtigen Gestalten, die in der Bahnhofshalle herumlungern und auf leichte Beute warten. Weg von den Plakaten, die eine rosige Zukunft versprechen, während so offensichtlich alles den Bach hinuntergeht.
Eines der Plakate am Bahnhofsvorplatz sticht besonders ins Auge, es zeigt Atlas, wie er die ganze Welt auf den Schultern trägt. Darunter die Aufschrift: "Auf uns können Sie sich verlassen".
Und in dem Moment, in dem man versucht sein könnte, der Aufschrift Glauben zu schenken, zuckt Atlas mit den Schultern und die Erdkugel fällt herunter und zerbricht in tausend Scherben.
Die Leserbriefaktion zur Deutschen Bahn läuft weiter – wir freuen uns auf neue, gern auch kreative Zuschriften.
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