Europa

Schon 15 Nachkommen gefunden: Skandinavien in Aufruhr wegen SS-Samenspender

Eine Recherche des dänischen Fernsehens brachte es an den Tag: Ein früherer SS-Soldat aus Dänemark betätigte sich in den 60er-Jahren als Samenspender. Nun fragen sich die Nachkommen: Sind sie als Teil eines Lebensborn-Projektes zur Mehrung "arischen" Nachwuchses gezeugt worden?
Schon 15 Nachkommen gefunden: Skandinavien in Aufruhr wegen SS-SamenspenderQuelle: Sputnik © Kirill Braga

Der öffentlich-rechtliche Sender Danmarks Radio (DR1) begann vergangene Woche eine aufsehenerregende Doku-Reihe mit dem Titel "Mysteriet om den danske nazi-donor" zu veröffentlichen, zu Deutsch: "Das Rätsel des dänischen Nazi-Spenders".

Demnach hat sich ein früherer Soldat der Waffen-SS, der Däne Walther Frisch, in den 60er-Jahren als Samenspender zur Verfügung gestellt. Bisher sind 15 daraus hervorgegangene Nachkommen Frischs bekannt, in Schweden, Dänemark, Finnland und Deutschland. Es könnte sich jedoch insgesamt um Hunderte Fälle handeln.

Im Zweiten Weltkrieg war Dänemark von Hitler-Deutschland besetzt worden. Viele Dänen leisteten Widerstand oder halfen bei der Verbringung der dänischen Juden ins unbesetzte Schweden. Doch es gab auch die andere Seite: Manche Dänen fanden Gefallen an der nationalsozialistischen Ideologie. 6000 von ihnen traten der Waffen-SS bei, etwa dem Frikorps Danmark, das an der Ostfront eingesetzt wurde.

Auch Walther Frisch war unter denjenigen, die in einer dänischen Einheit der Waffen-SS dienten. Nach Kriegsende galt Frisch in Dänemark als Kollaborateur und Verräter, man verurteilte ihn zu einer einjährigen Haftstrafe. Nach Verbüßung der Haft zog der Ex-SS-Mann nach Schweden und arbeitete unter anderem als Kellner. Doch er hatte auch eine Nebentätigkeit: Im Stockholmer Krankenhaus spendete er in den 60er-Jahren seinen Samen, um Kinderlosen zu einem Kind zu verhelfen.

Frischs Nachkommen aus seiner Spender-Tätigkeit (er hatte außerdem noch eine eheliche Tochter) erfuhren erst jetzt dank genealogischer Forschungen und durch DNA-Tests von der Identität und der SS-Vergangenheit ihres Erzeugers. Manche von ihnen hegen den Verdacht, womöglich Teil eines Projekts zur Verbreitung "arischer" Gene zu sein, entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie, der Frisch anhing.

Einer der so Gezeugten, der Däne Thomas Rasmussen, fragt in der Dokumentation konsterniert: "Wie kann denn bitte ein dänischer Waffen-SS-Soldat mein Spendervater sein? Das ergibt einfach keinen Sinn." Wurde hier etwa das nationalsozialistische Lebensborn-Projekt zur Erzeugung "arischer" Nachkommen noch nach dem Ende des NS-Regimes fortgesetzt?

Belegen lässt sich dieser Verdacht bisher allerdings nicht. Weder das Stockholmer Karolinska-Krankenhaus noch die schwedischen Archive haben Unterlagen zu Frischs Samenspenden vorzuweisen. Die Karolinska-Klinik betonte jedoch, dass es "völlig inakzeptabel und zutiefst unethisch" sei, falls Frisch aus ideologischen Gründen als Spender ausgewählt worden sei.

Doch das damalige Handeln der Karolinska-Klinik erscheint im Nachhinein fragwürdig. Für einen Samenspender war der 1917 geborene Frisch schon fast an der Altersgrenze, zudem war er vorbestraft.

Dazu kommt, dass am Karolinska-Institut in den 60er-Jahren ein weiteres ehemaliges Mitglied der Waffen-SS tätig war: der Gynäkologie-Professor Lars Ove Cassmer, der auch im Hormonlabor der Klinik arbeitete. Einen ideologischen Hintergrund will das Rechercheteam von DR1 daher zumindest zum jetzigen Zeitpunkt als Arbeitshypothese nicht ausschließen.

Frisch selbst kann man zu seinen Motiven nicht mehr befragen. Er verstarb im Jahr 1992 und nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Derweil sucht das investigative Rechercheprojekt des dänischen Fernsehens nach weiteren Nachkommen aus den Samenspenden des Nationalsozialisten oder nach Personen, die Informationen zu dem Fall haben.

Kinder zu zeugen ist kein Verbrechen. Doch es stellen sich weitere Fragen: Was hat Frisch während seiner Zeit in der Waffen-SS getan? Stimmt seine vor Gericht getätigte Aussage, er habe lediglich als Diener der Deutschen fungiert und niemals an der Front gekämpft?

Wurde er Zeuge oder womöglich sogar Täter eines nationalsozialistischen Endphase-Verbrechens, des Massakers in der SS-Kaserne von Graz-Wetzelsdorf? Der Fall Walther Frisch beweist jedenfalls, dass die gemeinsame europäische NS-Vergangenheit auch nach über 80 Jahren noch Geheimnisse birgt, die auf ihre Enthüllung warten.

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