Europa

In Berlin am Ort des Friedens: Russen und Ukrainer feiern Osterfest gemeinsam

In Berlin werden die Kirchen trotz des Krieges von Russen, Ukrainern und anderen orthodoxen Gläubigen gemeinsam genutzt. Unser RT-DE-Korrespondent hat am orthodoxen Ostersonntag die Berliner Kathedrale des Moskauer Patriarchats besucht.
In Berlin am Ort des Friedens: Russen und Ukrainer feiern Osterfest gemeinsam© Wladislaw Sankin

Von Wladislaw Sankin

Zwei Jugendliche betreten den russischen Feinkostladen an der U-Bahn-Station Fehrbelliner Platz mit der Frage: "Gibt es noch Osterkuchen?". "Alles längst ausverkauft", sagt die Verkäuferin. Es ist orthodoxer Ostersonntag, kurz nach zwölf. Der Laden ist gut gelegen – wenige hundert Meter von hier steht die wichtigste russisch-orthodoxe Kirche Deutschlands: die Auferstehungskathedrale am Hohenzollerndamm. 

Obwohl die Kirche nicht besonders groß ist, ist sie dank der unbebauten Umgebung von allen Seiten gut sichtbar. Der imposante Bau ist in Form einer dreischiffigen Basilika im russisch-byzantinischen Stil mit Dachkuppel errichtet. Sie erinnert an die Kirchen im altrussischen Nowgorod, welche deutschen Kino-Liebhabern aus dem Film "Alexander Newski" bekannt sind. Als ich mich ihr nähere, sehe ich um die Kirchenmauern herum eine Menschenmenge stehen. 

Es sieht fast wie auf einem Jahrmarkt aus, wo Verkäufer auf improvisierten Tischen ihre Waren darbieten. Doch hier wird nichts verkauft. In den festlich geschmückten Körben liegen Ostereier und Osterkuchen, wobei aus jedem Kuchen eine obligatorische Kerze herausragt. Alle zwanzig bis dreißig Minuten geht ein Priester umher und segnet die Besucher zusammen mit ihren Köstlichkeiten mit Weihwasser. 

Zu fortgeschrittener Stunde fand hier die nächtliche Osterliturgie statt – im orthodoxen Kalender wohl die wichtigste im ganzen Jahr. "Wo ist, Tod, dein Stachel? Wo ist, Hades, dein Sieg? Auferstanden ist Christus und du bist gestürzt. Auferstanden ist Christus und gefallen sind die Dämonen. Auferstanden ist Christus und die Engel freuen sich. Auferstanden ist Christus und das Leben herrscht." Diese hymnischen Reime aus der Osterpredigt des Johannes Chrysostomos sind hier jedem bekannt. 

Die Stimmung entsprechend. Die Leute treffen und umarmen sich, alles ist durchzogen von stiller Freude. Die Zeit vor der nächsten Liturgie nutzen die Menschen für kleine private Gebete, sie zünden Opferkerzen für ihre Gesundheit und Ruhe an. Manche nehmen Platz auf Holzstühlen und genießen gemächlich die Zeit. Die anderen finden auf Ikonen ihre Lieblingsheiligen und beten vor ihnen so, als ob sie mit ihnen sprechen. Ein kräftiger junger Mann hat dabei ein Kleinkind auf dem Arm. Er findet seine Ikone, betet kurz und geht weiter. Man merkt ihm die regelmäßigen Kirchenbesuche an. 

Ich selbst kann nicht beten und begutachte Ikonen. In der Ecke rechts der Ikonostase finde ich die berühmte Gottesmutter von Tichwin – sie stammt aus dem historischen Herzen der russischen Orthodoxie, dem Kiewer Höhlenkloster. Heute werden die Mönche von Selenskij aus dem Kloster verbannt. Beim Rausgehen höre ich die ukrainische Sprache: Zwei Frauen mit Kindern reden miteinander. Ihre Haare, wie die Haare aller Frauen hier, sind mit schicken Kopftüchern bedeckt. Und wie fast alle anderen hier, sind sie festlich, ja fast schick gekleidet. Dann treffen diese Frauen andere Freundinnen, umarmen sich und lassen einander fotografieren. 

Mit den anderen Kirchenbesucherinnen, die draußen noch auf die Segnung warten, komme ich ins Gespräch. Tatjana lebt seit drei Jahren in einem Dorf in Brandenburg, sie kommt mit ihrem Mann hierher. Er ist ein Deutscher aus Köln und steht neben ihr. "Im letzen Jahr saß er im Auto, als ich hier war, heute ist er neugierig auf das, was hier passiert." Sie selbst kommt aus Odessa, einer ukrainischen Stadt, sagt sie. Über Trennung, Spaltung und Krieg will sie gar nicht reden, ob man hier Russe oder Ukrainer sei, ist ihr nicht wichtig. "Vor allem sind wir Christen."

In Odessa hat sie noch die nächtlichen Liturgien besucht, hier schafft sie das nicht. Gestern hat sie noch Kuchen gebacken und über den tiefen, sakralen Sinn dieser rituellen Maßnahme nachgedacht. Sie wirkt zufrieden und glücklich. 

Zwei jüngere Frauen stehen am Tisch gegenüber. Sie sind zierlich und klein, sehen wie Studentinnen aus. Maria, ebenso aus der Ukraine, besucht regelmäßig die Kirche. Mit ihrer russischen Freundin, Aljona, hat sie noch den ganzen Vormittag lang den festlichen Kuchen gebacken. Er musste schön werden, "rechtfertigt" Aljona die Verspätung.

"Im vergangenen Jahr waren wir schon um neun Uhr hier und es war rappelvoll", sagt Maria. "Was für Gefühle haben Sie?" ‒ "Gnade, Wunder, man möchte an Besseres glauben." "Am Festtag vereinigen sich Menschen", betont ihre Freundin. Gedanken darüber, woher denn all die Gläubigen stammen ‒ aus Russland, der Ukraine oder anderswoher ‒, machen sie sich ebenso wenig. 

"Ich auch nicht", denke ich mir insgeheim – bis ich das Ukrainische hörte. Der politische Moment, ob wir es wollen oder nicht, existiert. Die jungen antirussischen Aktivisten, die gegen russische Einrichtungen demonstrieren, werden hier in Berlin ja hauptsächlich aus den ukrainischen Übersiedlern rekrutiert. Der Hass auf die Russen steckt den Ukrainern "im Blut, in den Genen und in den Chromosomen", lehrt uns die Berliner Zeitung.

Die Flüchtlingswelle aus der Ukraine hat der Gemeinde tatsächlich neue Mitglieder gebracht, bestätigt mir Natalja, die Kerzen und Kirchenliteratur verkauft. Geblieben seien diejenigen, welche die "Stille, die bei uns herrscht", akzeptiert haben. "Aber es gab auch solche, die gefragt haben, ob die Kirche zum Moskauer Patriarchat gehöre." Als sie die Antwort hörten, drehten sie sich um, um eine andere Kirche zu suchen.  

Am Ende treffe ich Lara und Mila. Die beiden Frauen kenne ich flüchtig von einigen Events. Sie lassen mich Kirchenwein aus ihrem Korb probieren und erzählen mir ihre Geschichte im Hinblick auf Ostern. Lara wurde in Bischkek in Kirgistan geboren und ging als Schülerin noch zu Sowjetzeiten in die Kirche – entgegen dem offiziell propagierten Atheismus. Mila ist aus Simferopol auf der Krim. Auch sie ist gern in der Kirche, früher hat sie im Chor gesungen. Orthodoxe Sitten gehören für die beiden wie selbstverständlich zum Leben. 

Auf dem Rückweg treffe ich Irina. Die Blondine hilft in der Kirche als Reinigungskraft. Ich habe sie zuvor beim Austausch der Kerzen gesehen. Sie macht das alles freiwillig und natürlich, wie alle anderen Helferinnen, kostenlos. Für sie gehören die selbst auferlegten, kirchlichen Pflichten zum persönlichen Lebensweg. An diesen Ostertagen, wenn die Gottesdienste in dichter Abfolge stattfinden, hat sie besonders viel zu tun – und all das neben der Arbeit und der Familie. 

So lebt die russisch-orthodoxe Gemeinde im Berlin-Wilmersdorf – von Festtag zu Festtag, von Gottesdienst zu Gottesdienst, stolz auf ihre Traditionen und alten Ikonen – und in freudiger Erwartung auf neue Mitglieder. 

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