Die ältere russische Schwester von Chatyn – 85 Jahre nach dem Chazun-Massaker

Vor 85 Jahren fand in der okkupierten Sowjetunion die erste dokumentierte Vernichtung eines Dorfes samt seiner Einwohner statt: das Massaker von Chazun nahe Brjansk in Russland. Deutschen Angaben zufolge starben im Zuge einer Vergeltungsaktion 188 Zivilisten, 60 davon kleinere Kinder. Russland geht von 318 Todesopfer aus.

Von Wladislaw Sankin

Der Bericht über die erste dokumentierte Massenerschießung der slawischen Bevölkerung in der okkupierten Sowjetunion liest sich wie ein ganz normaler Wehrmachtsbericht über den Frontalltag. Ein Routineeinsatz eines berittenen Spähtrupps der 56. Infanterie-Division im besetzten Gebiet; die Gefangennahme einer Gruppe von Rotarmisten, dann ein angeblicher Gegenangriff aus dem Hinterhalt. Von fünf entsendeten Soldaten kamen nur zwei lebend zurück. Darauf folgte die Strafaktion gegen die Einwohner eines ganzen Dorfes, die in einem unglaublichen Blutbad endete.

Dies war laut Bericht von vornherein Teil des Befehls – das Dorf zu durchsuchen und "sämtliche Personen" zu erschießen. Nur an einem Punkt zögerte Oberleutnant Paul Eilemann (teils auch Eylemann geschrieben), der das Strafkommando leitete. Es waren zu viele Kinder da, und man trennte sie erst mal von ihren Eltern. Dann fiel den Invasoren ein, dass sie am Leben zu lassen doch nicht dienlich wäre. Im Bericht wurde dazu festgehalten:

"Es wurden erschossen: 68 Männer, 60 Frauen. Da ein Großteil der Kinder ein Durchschnittsalter von zwei bis zehn Jahren hatte, wollte man sie nicht sich selbst überlassen. Aus diesem Grunde wurden alle Kinder erschossen. Es waren 60 an der Zahl."

Datum und Ort des Massakers: 25. Oktober 1941, Dorf Chazun (zur Kriegszeit Chozum, im Russischen Хацунь), 20 Kilometer südöstlich von Brjansk in der russischen sowjetischen Teilrepublik. Bis zu dem Zeitpunkt des Massakers im weißrussischen Dorf Chatyn – dessen 149 Einwohner in einer Scheune verbrannt waren – vergingen noch 18 Monate. Heute ist Chatyn ein Gedenkdorf, das auf beeindruckende Weise an alle vernichteten Dörfer Weißrusslands erinnert. Zur Anzahl der Opfer von Chazun, Chatyns "älterer Schwester", gibt es verschiedene Angaben: Laut Bericht der Wehrmacht wurden 188 Personen erschossen, laut russischen Quellen waren es 318. Die letzte Zahl ist nun offiziell.

Nur drei Personen überlebten das Blutbad. Sie berichteten, dass diejenigen Zivilisten, bei denen Gegenstände deutscher Soldaten gefunden wurden, besonders bestialisch ermordet wurden, wobei ein junges Mädchen an einem Tor gekreuzigt wurde. Babys, die noch nicht auf den Beinen stehen konnten, wurden mit Bajonetten in ihren Kinderbetten erstochen. Die Henker setzten Maschinengewehre ein, damit die Leute nicht in den Wald fliehen konnten. Die Leichen ließen sie zehn Tage unbestattet liegen – zur Abschreckung der Einwohner aus der Nachbarschaft. Später brannten sie das ganze Dorf mit sämtlichen Bauten ab.

Laut russischen Historikern ist der Übergriff die erste dokumentierte Vernichtung einer kompletten Ortschaft mit nicht-jüdischer Bevölkerung in der Sowjetunion. Chazun war das erste von 70.000 zerstörten Dörfern. Später wurde diese Art und Weise der "Partisanenbekämpfung" zum Vorwand für die Vernichtung ganzer Landstriche in den russischen, weißrussischen und ukrainischen Teilrepubliken. Allein im Gebiet Brjansk wurden laut jüngsten Angaben bis zu 1.000 Dörfer samt ihrer Einwohner vernichtet. Bis heute findet man in diesen und vielen anderen besetzten Gebieten Massengräber mit ermordeten Zivilisten.

Insgesamt haben die NS-Besatzer und ihre Komplizen während der Besetzung des Gebiets Brjansk nach jüngsten Angaben etwa 278.000 sowjetische Zivilisten und Kriegsgefangene getötet. Das sind 15 Prozent der Vorkriegsbevölkerung. Am 28. Juli 2022 erkannte das Regionalgericht Brjansk die Vernichtung der Zivilbevölkerung im Gebiet Brjansk als Völkermord an.

Diese Gräueltaten sind in Deutschland bekannt. Auf der Website des Bundesarchivs gibt es zum Chazun-Massaker einen Fachartikel mit digitalisierten Originaldokumenten. Laut dem Historiker Thomas Menzel war das Zusammenspiel mehrerer Faktoren für das beispiellose Ausmaß der Gewalt verantwortlich. Zum einen fehlte den deutschen Soldaten in aller Regel jegliches Verständnis dafür, dass die Einwohner des überfallenen Landes überhaupt ein Recht auf Widerstand hatten, und die Besatzer zudem als Räuber und Mörder wahrnahmen. Die Folge: Zivilisten, die sich an der Verteidigung ihrer Heimat beteiligten, wurden von deutschen Soldaten als "Banditen" verfolgt und getötet – auch solche, von denen dies nur vermutet wurde.

Briefe des Obersturmführers Karl Kretschmer aus dem besetzten Kursk schildern diese Denkweise eindrücklich. Er beschwerte sich, dass von den "Russen" gereinigte Benzinfässer trotzdem nach Petroleum rochen: "Das riecht nach Sabotage. Wenn wir die Kerle erwischen, werden sie ohne Gnade umgelegt", schrieb er an seine Frau. Kretschmer war Obersturmführer im Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C, die unter anderem für das Massaker in Babi Jar bei Kiew verantwortlich war.

Obwohl sie auf fremdem Gebiet waren und dort wüteten, fühlten die deutschen Soldaten sich im Recht, bestärkt und ermuntert durch die eigene Propaganda. Hinzu kamen die im Vorfeld des Ostfeldzuges und in der Folgezeit erlassenen Befehle (wie die Kommissarbefehle), die bewusst einen rechtsfreien Raum schufen und die deutschen Soldaten von traditionellen Verhaltensregeln entbanden. Ganz entscheidend war hierzu der sogenannte Sühnebefehl des Oberkommandierenden der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, der für ein deutsches Leben "50 bis 100 Kommunisten" aufrechnete. "Die Art der Vollstreckung muß die abschreckende Wirkung noch erhöhen", hieß es dazu.

Ein weiteres Element dürfte ein auch unter Wehrmachtsangehörigen weit verbreitetes kulturelles und zivilisatorisches Überlegenheitsgefühl gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung gewesen sein, von dem aus der Weg zur rücksichtslosen Unterdrückung jeglichen Widerstands des "Untermenschentums" nicht weit war. Die Radikalisierung des Verhaltens der deutschen Soldaten erfolgte laut Menzel allmählich, sie war "ein Prozess". Dieser hatte aber am Ende oft nur ein Ergebnis: absolute Verrohung gepaart mit der Überzeugung, dass die Vernichtung eines anderen Volkes für die Deutschen überlebenswichtig sei.

Obersturmführer Kretschmer gestand seiner Frau ein, dass ihn der Anblick der toten Kinder und Frauen im besetzten Land quälte, und bezeichnete seine Aufgabe als "schwer und undankbar". Er schrieb: "Überall, wo wir hinkommen, werden wir etwas schräg angesehen. Das soll uns auch nicht von der Erkenntnis abbringen, daß es notwendig ist." An einer anderen Stelle versicherte er, dass dieses "es" für uns die einzige Tat sei, "die unbedingt zur Sicherheit unseres Volkes und unserer Zukunft erforderlich ist".

Die unterschiedslose Ermordung von Männern, Frauen und Kindern war bei den "Judenaktionen" der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) sowie der Brigaden der Waffen-SS bereits ab Spätsommer 1941 üblich, schreibt der Historiker Menzel zu den Vorläufern des Massakers. Ob die Angehörigen des Artillerie-Regiments 156 lediglich diesem Beispiel folgten oder diese Radikalisierung aus eigenem Antrieb vollzogen, bliebe unklar.

"So oder so steht das Artillerie-Regiment 156 mit dem Verbrechen von Chazun am Anfang eines Prozesses der partiellen Verhaltensangleichung des Heeres an Waffen-SS und Einsatzgruppen."

Bis heute ist die Legende von der sauberen Wehrmacht in Teilen des deutschen Bewusstseins tief verankert. Dauerthemen sind hingegen Verbrechen der Roten Armee auf dem Vormarsch auf deutsch besiedelte Gebiete – vor allem in den Medien und im sogenannten Rechtstwitter. Im besten Fall wird versucht, das eine mit dem anderen aufzurechnen. Im schlimmsten Fall tut man in manchen Kreisen so, als ob es den Nazi-Einmarsch und die systematische Vernichtung von Millionen Sowjetbürgern gar nicht gegeben habe. Dabei sind jegliche Vergleiche der nazistischen und der sowjetischen Politik gegenüber der Zivilbevölkerung der jeweiligen Gegenseite infam.

Der hier zitierte Kretschmer, der in seinen Briefen die Judenfrage in Russland durch sein Mitwirken für gelöst erklärte, konnte der Strafe entkommen. Er erreichte ein hohes Alter und starb im Kreis seiner Familie. Ein hessisches Gericht leitete gegen ihn im Jahre 1964 ein Verfahren ein, sprach ihn aber 1973 wegen "Mangel an Beweisen" frei. Der Kommandeur der 56. Infanterie-Division war Generalleutnant Karl von Oven. In dieser Funktion befahl von Oven die Erschießung von Zivilisten in Chozun, die durch die I. Abteilung des ihm unterstehenden Artillerie-Regiments 156 ausgeführt worden war. Gegen von Oven wurde gar kein Verfahren eröffnet, und er starb im Alter von 85 Jahren in Siegen.

Die Liste der am Leben gebliebenen und nicht verurteilten Verbrecher, die nazistische Gräueltaten in der Sowjetunion und anderen besetzten Ländern Europas begangen haben, lässt sich endlos fortsetzen. Viele von ihnen starben in Wohlstand und Würde. Heute interessiert sich in Deutschland außer einer dünnen Anzahl von Aktivisten kaum jemand mehr für die Verbrechen der Wehrmacht im Osten. In Geschichtslehrbüchern sind dem Hitler-Ostfeldzug nur zwei Seiten gewidmet, und auch da beschränkt man sich nur auf den Wendepunkt bei Stalingrad.

Es ist nun aber nicht so, als ob der Krieg in der Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung keine Rolle spielte. Nur führt das vermeintliche "Nie wieder" aus Berlin nicht dazu, dass man mit Russland aufgrund der deutschen "historischen Verantwortung" zumindest ein auskömmliches Verhältnis sucht. Das deutsche "Nie wieder" hat heute den Beigeschmack von Schießpulver und ist begleitet vom Surren einer tödlichen Kamikaze-Drohne, die gerade im Gebiet Brjansk, das direkt an die Ukraine grenzt, besonders häufig zu hören und zu spüren ist.

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