Auftritte russischer Künstler: Kirchengemeinden im Kreuzfeuer der Kritik

Aus großen Städten kennt man es schon länger: Eine aktivistische Empörungswoge schwillt an, wenn russische Künstler an Opern und Konzerthäusern auftreten sollen. Mittlerweile verlagern sich die Proteste auf kleinere Gemeinden, wie zwei Beispiele aus Vorarlberg und Oberbayern zeigen.

Eine Analyse von Astrid Sigena

Zunächst traf die gegen russische Künstler gerichtete Bewegung die österreichische Marktgemeinde Hard im Bundesland Vorarlberg. Dort war in der katholischen Pfarrkirche St. Sebastian für Donnerstag, den 5. November, ein Benefiz-Friedenskonzert des St. Petersburger Vokalensembles angesagt. Doch wenige Tage vor dem Konzert gab die Pfarrei auf ihrem Facebook-Account bekannt: Das Konzert ist abgesagt.

Was war geschehen? Die Künstler waren keineswegs erkrankt. Vielmehr hatten ukrainische Aktivisten und deutsch-österreichische Ukraine-Unterstützer Anstoß an der Veranstaltung genommen. Man empfand es als unerträglich, dass in Zeiten des Ukraine-Krieges russische Künstler in Österreich auftreten könnten. Den Sängern aus St. Petersburg nützte es auch nichts, dass sie – laut Medienberichten – in der Vergangenheit den sogenannten Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verurteilt hatten und ihre Konzerteinnahmen wohltätigen Zwecken zugutegekommen wären.

Dass hinter der Absage mehr stecken könnte als spontane Entrüstung in den sozialen Medien, legt eine Intervention des ukrainischen Botschafters in Wien, Vasyl Khymynets, nahe. Wie die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtet, versandte der Diplomat ein Schreiben an den Bürgermeister der 13.800 Einwohner zählenden Bodensee-Gemeinde.

Martin Staudinger (SPÖ) bekam darin zu lesen, dass der ukrainische Botschafter es "besonders befremdlich" empfinde, dass ein Konzertabend unter dem Motto "Frieden" mit russischen Künstlern veranstaltet werde. Es folgten die üblichen ukrainischen Narrative über die russische Kriegsführung, angeblich nach Russland verschleppte Kinder.

In dem Schreiben, aus dem der Standard zitierte, warnte Botschafter Khymynets, eine Bewerbung der Veranstaltung auf den Internetseiten der Gemeinde könne "in der Öffentlichkeit als institutionelle Unterstützung oder zumindest als Empfehlung verstanden werden." Man würde damit den Krieg in der Ukraine relativieren, "als könne das kulturelle Leben Russlands unabhängig von der Realität der russischen Aggression einfach zur Normalität zurückkehren".

Gegenüber der Neuen Vorarlberger Tageszeitung rechtfertigte ein Sprecher der Pfarrei die Konzertabsage. Man sei in den vergangenen Tagen "von allen Seiten belagert worden", gerade aus den sozialen Medien sei "sehr viel Gegenwind gekommen." Es sei "für alle Seiten in keinerlei Weise dienlich, wenn das Konzert stattgefunden hätte".

Bürgermeister Staudinger wiederum verwies darauf, dass Kritik aus der ukrainischen Bevölkerung gekommen sei, für die der Auftritt russischer Sänger "ein sensibles Thema" sei. Der geplante Auftritt sei "emotional aufgenommen" worden, er selbst habe aber nicht über die Absage bestimmt. Allerdings habe nach Bekanntwerden der Absage der ukrainische Botschafter telefonisch Kontakt aufgenommen und sich bei ihm als dem Bürgermeister des Ortes bedankt.

In Oberbayern hingegen scheiterte ein weiterer Skandalisierungsversuch. Der Münchner Merkur berichtete unter Bezugnahme auf das Freisinger Tagblatt am Freitag über ein zu Allerheiligen und Allerseelen stattgefundenes Konzert des Männerchores VIVAT aus St. Petersburg. Laut dem Bericht der katholischen Pfarreiengemeinschaft bot das Ensemble unter der Leitung von Viktor Stupnev den Konzertbesuchern "Chorwerke der orthodoxen Liturgie und volkstümliche Lieder aus der Ukraine, Georgien und Russland".

Mit den Konzerteinnahmen will der Chor demnach eine Intensivstation für Neugeborene in St. Petersburg unterstützen. Hallbergmoos im Landkreis Freising, wo das Konzert stattfand, ist übrigens der Ort, in dem das durch seine Rüstungslieferungen am Ukraine-Krieg beteiligte Unternehmen Helsing eine Fabrik errichten will.

Den Landwirt und früheren CSU-Kommunalpolitiker Sebastian Hausler empörte der Auftritt russischer Sänger so sehr, dass er nach dem Konzert das Gespräch mit dem Hallbergmooser Pfarrer Thomas Gruber suchte, um sein Unverständnis zum Ausdruck zu bringen. In dem Konzert – das Hausler besucht hatte – hätten "regimetreue Männer" ausschließlich in russischer Sprache gesungen, so Hauslers Vorwurf. Währenddessen lasse Putin die Ukraine weiterhin bombardieren. Auch habe er sich eine klare Positionierung zum Ukraine-Krieg von VIVAT gewünscht. Der Sängergruppe unterstellt Hausler, sie werde von russischen staatlichen Strukturen unterstützt.

Doch Pfarrer Gruber ließ sich – bei allem Verständnis für Kritik – nicht zu einer Distanzierung bewegen. Es sei nicht Anliegen des Chors, politische Botschaften zu vertreten. Ein Mitglied des Ensembles habe selbst ukrainische Vorfahren. Der christliche Auftrag bestehe darin – so habe Papst Leo XIV. es verdeutlicht –, "mit Klarheit und Freimut Wege (zu) öffnen und Menschen friedlich miteinander (zu) verbinden". Das sei gerade in Zeiten des Krieges, in denen die große Politik Mauern baue, wichtiger denn je. Er sehe den Chor als Brückenbauer.

In Hallbergmoos ist also die antirussische Cancel Culture vorerst gescheitert. Womöglich hat es dort an Mitstreitern gefehlt. Das heißt aber nicht, dass solche Ansinnen in Zukunft aufgegeben werden. Vielmehr hat es den Anschein, als sollten gezielt kleinere Gemeinden an den Pranger gestellt werden, die russische Künstler auftreten lassen.

Der Ukraine-Aktivist und frühere Erlanger Städtepartnerschaftsbeauftragte Peter Steger kommentierte auf Facebook: "Es muß doch noch andere Gemeinden in A geben, wo die 'Friedensboten' auftreten. Für einen Auftritt allein lohnt die Anreise ja nicht, auch wenn der Kreml die Kosten tragen sollte."

Daher ist mit weiteren Versuchen zu rechnen, russische Kulturveranstaltungen im deutschsprachigen Raum zu verhindern. Und wie der Fall Juna Liebrecht zeigt: Anprangerungen und Hetzjagden im Netz treffen mittlerweile nicht mehr ausschließlich russische Künstler, sondern auch einheimische Schriftsteller, die es wagen, Russen als Menschen darzustellen.

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