In Erlangen hat die Bergkirchweih, kurz "der Berg", begonnen, ein alljährliches zwölftägiges Volksfest, bei dem es stets feuchtfröhlich zugeht. Aber eines ist neu in diesem Jahr: Zum ersten Mal legt die Stadt Erlangen den Wirten eine Liste von Liedern vor, die auf "dem Berch" nicht erklingen sollen. Um eine Verbotsliste soll es sich dabei jedoch nach Auffassung der Stadtverwaltung nicht handeln.
Wie die Nürnberger Nachrichten (NN) berichten, waren die Erlanger Gleichstellungsbeauftragte Réka Lőrincz und ihre Kollegin Nora Hahn-Hobeck in monatelanger Arbeit Liedtexte durchgegangen, um die Bergbesucher vor anstößigem Liedgut zu bewahren. Das Durchhören der Lieder sei keine angenehme Recherche gewesen. Aber Lőrincz und ihre Mitstreiterin hielten durch: "Wir wollten das nicht nur vom Gefühl her bewerten, sondern wirklich faktenbasiert aufbereiten."
Das aus der mühevollen Analyse der Liedtexte hervorgegangene Schreiben haben nun nicht nur die Berg-Wirte, sondern teilweise auch die Bands selber erhalten. Darin zitiert sind als problematisch betrachtete Textpassagen, die die Gleichstellungsbeauftragte der mittelfränkischen Universitätsstadt im Anschluss erläutert.
Als Zensorin will sich Lőrincz, die für Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat der Nachbarstadt Nürnberg sitzt, jedoch nicht betrachten. Ihre Liste sei vielmehr ein "sanfter Einstieg", der das Thema "sicheres Feiern" in den Mittelpunkt rücken solle. Im vergangenen Jahr habe sich eine Besucherin der Bergkirchweih in der Presse über sexistische Liedtexte beschwert und von Zudringlichkeiten übergriffiger Männer berichtet.
Welches sind nun die zwölf Lieder, die durch die Erlanger Begutachtung den Stempel "sexistisch" oder "frauenfeindlich" erhalten haben? In den Medien kursieren folgende Titel: "Layla" von DJ Robin & Schürze, "Nein heißt ja" von G. G. Anderson, das "Donaulied" (hier wird eine Ballermann-Version von Mickie Krause genannt), "Baby Bell" von Breiter, "Joana (du geile Sau)" (Roland Kaiser/Ballermann‑Version unter anderem von Peter Wackel),"Olé, wir fahr'n in' Puff nach Barcelona" von Mickie Krause, "20 Zentimeter" von Mirja Boes, "Die Glöcknerin von Dingolfing" (Dorfrocker), "Deine Freundin" (SDP),"Geh mal Bier hol'n" von Mickie Krause sowie "Zehn nackte Friseusen" (ebenfalls von Mickie Krause).
Besonderes Aufsehen erregt die Indexierung des Spider-Murphy-Gang-Klassikers "Skandal im Sperrbezirk" aus dem Jahr 1981. Nach anfänglichem Boykott wird der Song mittlerweile auch in bayerischen Radios gerne gespielt. Aber auch dieses Lied – das den rigiden Umgang der damaligen CSU mit der Prostitution anprangert – findet keine Gnade vor den Augen des Duos Lőrincz/Hahn-Hobeck. Zur Begründung heißt es, das Lied stigmatisiere Prostitution und stelle Sexarbeit als Unterhaltungsobjekt dar. Außerdem enthalte der Liedtext "stereotype, abwertende Begriffe". Frauen würden überdies objektifiziert.
Diese Bevormundung gefällt nicht allen. Till Stürmer als Sprecher der Erlanger Berg-Wirte stimmte dem Ansinnen der Gleichstellungsbeauftragten zwar prinzipiell zu. Diskriminierende Lieder solle man auf dem "Berg" nicht spielen. Es bestehe aber die Gefahr, dass sich das in Richtung einer Verbotskultur auf der Bergkirchweih entwickle.
Die Band Spider Murphy Gang reagierte konsterniert auf die ihr unterstellten Verfehlungen, ihr Manager Jürgen Thurnau zog sogar einen historischen Vergleich: "So einen Quatsch habe ich schon lange nicht mehr gehört. Als wir in der DDR gespielt haben, mussten wir jedenfalls keine Setliste vorlegen."
Auch die bayerische Politik schaltet sich jetzt ein: Der FDP-Landesvorsitzende Matthias Fischbach sprach gegenüber der Presse von einer "überzogen woken Symbolpolitik auf Kosten der Steuerzahler". Es handle sich um eine Bevormundung "mündiger Wirte, Bands und Festbesucher." Eine hoch verschuldete Stadt wie Erlangen solle eigentlich andere Sorgen haben als das Blacklisting von Liedtexten.
Und der mittelfränkische AfD-Bundestagsabgeordnete Bastian Treuheit ist der Ansicht: "Ein freiheitliches Land braucht keine Gesinnungsaufsicht auf dem Volksfest." Es bleibt abzuwarten, ob auf dem "Berch" nun der berüchtigte Streisand-Effekt eintritt.
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