Von Hans-Ueli Läppli
Der brasilianische Präsidentschaftswahlkampf geht mit großen Emotionen und heftigen Wortgefechten in die letzte Runde. Im Duell zwischen Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro steht mehr auf dem Spiel als die Macht in Brasília. Brasilien ist Lateinamerikas größte Volkswirtschaft, besitzt umfangreiche Rohstoffvorkommen und spielt innerhalb der BRICS eine wichtige Rolle. Der künftige Kurs des Landes reicht deshalb weit über seine Grenzen hinaus.
Doch in vielen internationalen Berichten erscheint die Wahl vor allem als Duell zwischen einem linken Amtsinhaber und einem rechten Herausforderer. Der strategische Kern gerät dabei leicht aus dem Blick. Die Vereinigten Staaten wollen ihren Einfluss in Lateinamerika ausbauen und ihre Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten verringern. Brasilien könnte ihnen dabei helfen. Oder sich diesem Kurs widersetzen.
Bolsonaro hat bereits deutlich gemacht, welchen Weg er einschlagen will. Bei der konservativen CPAC-Konferenz im März stellte er Brasilien als mögliche Antwort auf die US-Abhängigkeit von kritischen Mineralien aus China dar. Damit bot er Donald Trump eine Partnerschaft an, die weit über den gewöhnlichen Handel hinausgeht.
Washington hat Brasiliens Rohstoffe im Blick
Die Vereinigten Staaten stehen unter Druck, ihre Versorgung mit strategisch wichtigen Rohstoffen abzusichern. Seltene Erden und andere kritische Mineralien werden für Elektronik, Halbleiter, moderne Waffensysteme und zahlreiche Anwendungen der künstlichen Intelligenz benötigt. China verfügt in wichtigen Bereichen der Förderung und vor allem der Verarbeitung über eine starke Position. Peking hat damit einen wirtschaftlichen Hebel, den Washington zunehmend zu begrenzen versucht.
Brasilien könnte für die US-Strategie eine wichtige Rolle spielen. Das Land verfügt über bedeutende Vorkommen Seltener Erden und weiterer kritischer Rohstoffe. Für die USA wäre ein verlässlicher Zugang zu diesen Ressourcen ein Vorteil im Wettbewerb mit China.
Bolsonaro wirbt für eine engere Zusammenarbeit mit den USA und stellt Brasiliens Rohstoffvorkommen als Möglichkeit dar, Washington unabhängiger von China zu machen. Für die US-Regierung wäre ein solcher Kurs in Brasília ein strategischer Vorteil.
Für Brasilien kommt es darauf an, ob die Rohstoffe hauptsächlich in die USA geliefert werden oder ob das Land selbst mehr daraus macht. Eine stärkere heimische Verarbeitung könnte Arbeitsplätze schaffen, die Industrie stärken und verhindern, dass Brasilien in neue Abhängigkeiten gerät.
Lula erinnert an Vietnam
Lula setzt auf einen eigenständigen Kurs Brasiliens statt auf eine engere Anlehnung an die USA. In Belo Horizonte, der Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais, erinnerte er bei einer Wahlkampfveranstaltung an Vietnam und dessen Sieg über die US-Streitkräfte. Der Verweis unterstreicht Lulas Anspruch, Brasiliens außenpolitischen Spielraum zu bewahren.
Brasilien sei keine Kolonie der USA, betont der Präsident. Seine Regierung will die heimische Bergbauindustrie stärken und die Kontrolle über die eigenen Ressourcen bewahren. Lula sucht zwar weiterhin wirtschaftliche Beziehungen zu Washington, will aber nicht, dass die US-Rivalität mit China Brasiliens Außenpolitik bestimmt.
Lula setzt nicht bedingungslos auf Peking. Brasilien verfolgt eigene Interessen und braucht Investitionen, Technologie und Absatzmärkte. Dabei geht es darum, die Beziehungen zu Washington und Peking so zu gestalten, dass Brasília möglichst unabhängig bleibt.
Ein Präsident, der sich stärker an Washington orientiert, könnte die US-Bemühungen gegen Chinas Einfluss in der Region unterstützen. Lula versucht dagegen, Brasiliens Beziehungen zu beiden Seiten zu nutzen, ohne sich einer von ihnen unterzuordnen.
Die BRICS stehen vor einer Richtungsentscheidung
Brasilien ist eines der Gründungsmitglieder der BRICS und gehört damit zu einer Gruppe von Staaten, die ihre wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit außerhalb westlich dominierter Strukturen ausbauen wollen. Das Bündnis ist kein einheitlicher Machtblock. Seine Mitglieder verfolgen unterschiedliche Interessen. Dennoch bietet es Brasilien zusätzliche Möglichkeiten, Handel, Investitionen und diplomatische Beziehungen zu diversifizieren.
Eine Regierung Bolsonaro könnte die Beziehungen zu den USA stärker gewichten. Das würde nicht automatisch einen Austritt aus den BRICS bedeuten. Es könnte aber die politische Ausrichtung Brasiliens verändern und Washington helfen, seinen Einfluss in einer Region auszubauen, in der China seine wirtschaftliche Präsenz seit Jahren verstärkt hat.
Für Peking geht es um langfristige Handelsbeziehungen, Rohstoffversorgung und politischen Rückhalt. Für Washington geht es darum, den Zugang zu strategischen Ressourcen und Märkten nicht allein China zu überlassen. Brasilien steht mitten in diesem Wettbewerb.
Die Wahl betrifft deshalb auch Staaten außerhalb Lateinamerikas. Je nachdem, welchen Kurs Brasília einschlägt, könnte sich das Gewicht der BRICS verändern. Das Ergebnis wird zwar nicht allein über die Zukunft des Bündnisses entscheiden, aber es wird zeigen, wie viel Eigenständigkeit eines seiner wichtigsten Mitglieder bewahren will.
Auch Meta ist Teil des Konflikts
Der Streit um die US-Technologiekonzerne gehört in denselben Zusammenhang. Lulas Wahlkampfteam wirft Meta vor, die Sichtbarkeit seiner Inhalte auf Instagram eingeschränkt und politische Beiträge des Bolsonaro-Lagers bevorzugt zu haben. Meta räumte technische Probleme ein, bestreitet jedoch eine gezielte politische Einflussnahme.
Das brasilianische Wahlgericht verpflichtete den Konzern zur Gleichbehandlung der Kandidaten. Damit ist noch nicht bewiesen, dass Meta absichtlich zugunsten Bolsonaros eingegriffen hat. Die Vorgänge zeigen jedoch, wie stark private Plattformen die politische Kommunikation beeinflussen können.
Trump und die Bolsonaro-Familie
Trump hat seine Sympathie für die Bolsonaro-Familie wiederholt erkennen lassen. Flávios Bruder Eduardo Bolsonaro lebt in den USA und setzte sich ebenfalls für US-Druck auf Brasiliens Regierung und Justiz ein. Die politischen Verbindungen reichen damit über die üblichen diplomatischen Kontakte hinaus.
Für Trump wäre ein Sieg Bolsonaros eine Gelegenheit, die Zusammenarbeit mit einer ihm politisch nahestehenden Regierung zu vertiefen. Gerade vor den US-Zwischenwahlen kann der Präsident positive Nachrichten aus Lateinamerika gebrauchen. Eine engere Partnerschaft mit Brasilien würde zudem seine Bemühungen unterstützen, den Einfluss Chinas in der Region einzudämmen.
Lula wirft Washington Einmischung zugunsten seines Herausforderers vor. Daraus folgt allerdings nicht automatisch, dass die USA das Wahlergebnis kontrollieren oder bestimmen könnten. Entscheidend ist, welche konkreten politischen und wirtschaftlichen Schritte nach der Wahl folgen.
Auch die innenpolitische Lage Brasiliens bleibt angespannt. Jair Bolsonaro wurde wegen seiner Rolle bei den Umsturzplänen nach der Wahl von 2022 zu 27 Jahren Haft verurteilt und steht derzeit unter Hausarrest. Flávio hat angekündigt, sich für seinen Vater einzusetzen. Ein Regierungswechsel würde deshalb nicht nur die Außenpolitik betreffen, sondern auch neue Auseinandersetzungen über die politische Zukunft der Bolsonaro-Familie auslösen.
Warum Brasilien nicht aus dem Blick geraten darf
Am Sonntag entscheiden die Brasilianer, wer das Land künftig regiert. Die Folgen reichen weit über Brasília hinaus. Brasilien verfügt über die wirtschaftlichen und natürlichen Ressourcen, um im internationalen Machtgefüge eine eigenständige Rolle zu spielen. Der künftige Kurs des Landes wird auch die Zukunft der BRICS und das Kräfteverhältnis zwischen Washington und Peking beeinflussen.
Deshalb müssen wir über Brasilien sprechen. Bei dieser Wahl geht es um weit mehr als das Duell zwischen Lula und Bolsonaro. Es geht um die Kontrolle über strategische Rohstoffe, den Zugang zu wichtigen Märkten und die Partnerschaften einer der größten Volkswirtschaften des globalen Südens.
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